Japan - 2500 km allein und zu Fuß


Warum durch Japan

Beim Bier nach der Ankunft in Santiago - und vor den letzten Kilometern nach Fisterra

 

Die Frage nach dem Warum ist schnell beantwortet. Schuld ist der Mann auf dem Foto links. Katsuyuki Ogasawara aus Tokio. Wir sind im April/Mai 2006 fast 900 km gemeinsam durch Spanien den Jakobsweg gegangen.
Dabei hatten wir viel Gelegenheit zu reden, uns kennen zu lernen und am Ende sind wir Freunde geworden. Bei kleinen "Durchhängern" auf der Tour war es uns ein Leichtes aus dem Stand ins Humoristische zu wechseln.Wir brauchten uns nur zu den Vorstellungen des einen zum Land des anderen zu befragen. So hatte jeweils der Fragende immer viel zu lachen. Das war ein nettes Spiel bis mir klar wurde, Oga hatte mehr zu lachen als ich.

Und im Affekt entschied ich:
Ich komme dich besuchen.
Und weil ich gerade diese 900 Fußkilometer hinter mir hatte war nichts nahe-liegender als tönend der Besuchsabsicht anzuhängen: Ich mache es natürlich zu Fuß, ganz, von Nord nach Süd.
Ich will dein Land jetzt kennenlernen.
Kaum ausgesprochen...., nein, es wäre müßig darüber zu reden, daran denkt man noch nicht einmal...
Rückzieher gibt es nicht!


Reisevorbereitungen

Mitten in der Fußball WM nehmen sich Oga und Kazuha die Zeit mich zu besuchen, um bei den Vorbereitungen für die Reise zu helfen. Weil Oga in der Zeit in der ich reise viel mit seinem neuen Restaurant in Yokohama beschäftigt sein wird, hat Kazuha sich sofort bereit erklärt, auch mitzumachen. Kazuha wird als IT-Ingenieuerin meine japanische Website einrichten und pflegen. Werde ich auf meiner Reise ihre Dienste als Reiki Lehrerin und Yoga Therapeutin auch in Anspruch nehmen müssen?


 

 

 

 

Donnerwetter...!

Fremder geht es nun wirklich nicht. Meine ersten Versuche mit einem Japanisch Lehrbuch für sechsjährige Kinder. Noch eines der vielen Dinge, die mir Oga und Kazuha aus Japan mitgebracht haben.

...und dann, irgendwann sind all die notwendigen Vorbereitungen erledigt.

Alles, was mitgenommen werden soll liegt in lockerer Streuung auf dem Fußboden.

Wenn ich dann die einzelnen Posten auf meiner Packliste abhake und tatsächlich alles vor mir liegt was ich mitnehmen wollte, halte ich mich selbst immer für Momente für einen ziemlich guten Planer. Schön daran ist, dass dieser Zustand fortdauert - bis ich dann, endlich unterwegs leider immer ziemlich schnell feststelle, was doch noch alles zu Hause liegen geblieben ist.
Nein, nein, dieses Mal nichts.
Ich bin da absolut sicher.

Familie und Freunde gilt es zu verabschieden mit dem immer gleichen Zeremoniell:

Nein, ich bin nicht "bescheuert"!

Die Vorfreude läßt überhaupt nie irgendwelche Zweifel zu.
Ich fühle mich einfach privilegiert und genieße ein fast körperliches Gefühl: Mir brennt das Gesicht vor Glück wieder einmal Neues erleben zu dürfen, unterwegs zu sein.
Der Abschied von Freunden und Bekannten, fällt nicht immer ganz leicht.
Aber auch hier die Vorfreude: Ich bin doch Silvester schon wieder zurück.
Und dann: Dank an alle, die mir bis hier geholfen haben und mich auch weiter begleiten werden.

Die letzte Woche beschränkt sich dann auf Nichts-tun, intensive Fußpflege, Fitness und Essen gehen: Heiß, fett und ungesund.
Bratkartoffeln, Kraut und Wurst!
Sayonara Germany.

Erstmalig nutze ich dieses "Medium" Internet. Ungewohnt, fremd, virtuell und... na ja, offenbar zeitgemäß.
In Wakkanai, im äußersten Norden Hokkaidos, wo ich mit der Wanderung am 10. August beginne, werde ich versuchen, im Internet Cafe (gibts dort tatsächlich Kaffee?), das virtuelle Tagebuch fortzuführen. Die erste große Herausforderung!
(Aber mein Bruder hat mit mir am heimischen PC geübt...)
Wird es klappen? Schauen wir mal.

Bis dann!
Matane!


Anreise

Die Anreise, für mich immer das am wenigsten Schöne. Zum einen Abschied nehmen, was gerade vor so einer langen Reise manchmal etwas schmerzhaft ist und das auf-Anschlüsse-warten, die langweiligste Sache der Welt. So auch dieses Mal. In Kopenhagen fünf Stunden die Shoppingmeile des Flughafens hinauf und hinunter. Dann elf Stunden für den Flug nach Tokio. Es gelingt mir wie immer nicht zu schlafen und so komme ich vollkommen übermüdet an, leide aber glücklicherweise nicht besonders unter dem Jet-lag.

Der erste Eindruck: Ich hätte mir Narita, den Flughafen Tokios, sehr viel geschäftiger vorgestellt. Aber alles ist aufgeräumt, ruhig, wenig hektisch. Keine Raucherzone ist zu finden.

Dem Zöllner zu erklären, dass ich nicht wüsste wie lange ich bliebe, nicht wüsste wo ich abstiege, nicht wüsste wo ich hinwolle, irritiert ihn schon ein wenig.
Von der Wanderung möchte ich noch nichts sagen. Am Ende begnügt er sich mit einer Telefonnummer von Oga.

Ich löse meine erste Fahrkarte in Tokio und fahre zum vereinbarten Treffpunkt nach Nappori, dort erwarten mich Oga und Kazuha und Tokio mit einem Hitzehammer, der mich über die bei uns herrschende hochsommerliche Temperatur nur lächeln lässt. Spontane Schweißausbrüche, Atemnot, Bewegungslosigkeit. Ich fühle nahe an die 40° bei 80% Luftfeuchte und traue mich nicht aufs Thermometer zu schauen. In manchen Dingen bleibt man besser unwissend. Den Rucksack dabei, eine Treppe hoch und schon stelle ich meine Reise zum ersten Mal in Frage.

Ich löse meine erste Fahrkarte in Tokio. Später attestiert man mir schon jetzt

Dann kommt der obligatorische Stadtbummel durch Tokio, der für mich, mit den Erfahrungen eines Landeis (pardon Husum) schon etwas Bedrückendes hat. Zum herrschenden Klima ist die Reizüberflutung zusätzlich schweißtreibend. Nichtsdestotrotz muss ich den tröstenden Worten Oga´s glauben, dass zur eigentlich Zeit nicht viel los sei.

Stadtbummel in Tokio. Wir haben es sehr ruhig, es ist nichts los. Oga bringt es

Danach besuchen wir den bekannten Shinto Schrein Meiji Jingu. Beeindruckend und neu für mich, wie man hier Religion als normalen, auch "schnellen" Bestandteil des Lebens auch "nebenher" praktiziert. Vom Erscheinen am Schrein bis zum Verlassen brauchen manche, ob Schüler oder Geschäftsleute, nur einige Minuten.
Ich nutze die Chance - kann es schaden? - und bitte um einen glücklichen Verlauf der Reise. Zudem bitte ich um die Verbesserung meiner planerischen Fähigkeiten.
Diesmal nämlich erwischt es mich früh: Ich habe meine Karten vergessen.
Ich kaufe mir hier neue, eben die, die zur Auswahl stehen und werde damit fertig werden müssen, dass ich nichts lesen kann. Gar nichts.

Zur Sicherheit schenken mir meine Freunde einen Talisman aus dem Schrein.

Mein erster Besuch im Shinto Schrein Meiji Jingu

Meine Freunde schenken mir im Schrein einen Talisman der mir eine gute Reise verspricht. Natürlich werde ich ihn stets am Rucksack mit mir tragen

Ich verlasse Tokio am 08.08.2006 spät nachmittags per Zug und komme nach einer weiteren schlafdefizitären Nacht am 09.08.2006 nachmittags in Wakkanai an. Eine Herberge zu finden ist nicht leicht. Ein Restaurant unmöglich, ein Internetcafe schon gar nicht und reden kann ich auch noch nicht mit jedem. Diesen Abend gibt es Wasser und Schokolade, das finde ich an einer Tankstelle.



Hm, so richtig viel lesen kann ich noch nicht

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Die Route durch Japan

Am 10. August nutze ich den freien Tag und fahre mit dem Bus nach Soya-Misaki, dem nördlichsten Punkt Japans. Einige Mitbewohner in meiner Herberge hatten angeregt, von dort aus loszugehen. Irgendwie ist das auch ein attraktiver Gedanke, aber ich bin seit Monaten so fixiert auf Wakkanai als Startpunkt, dass es mich vollkommen überfordert. Also nutze ich das touristische Programm dort, mache meine obligatorischen Fotos, und fahre zurück zu "meinem" Startpunkt. Am 11.08.2006 geht es dann endlich los. Ich breche um 7.00 Uhr auf, und der Wettergott meint es ziemlich gut mit mir. 22 Grad, es ist bewölkt und schwach windig, allerdings sehr schwül. Was "sehr schwül" aber wirklich bedeutet, sollte ich erst ein paar Stunden später erfahren.

Abschied von Wakkanai. Der Wanderteil der Reise hat begonnen.

Meine Route durch Japan

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Erste Etappe: von Wakkanai nach Otoineppu

Schon nach dem ersten Drittel dieser circa 25 Kilometer langen Strecke, merke ich wie ungewohnt das Laufen inzwischen schon wieder geworden ist. Die Füße und die Beine wollen noch nicht so richtig und der noch viel zu schwere Rucksack versucht beständig, mich in den Boden zu ziehen.
So muss ich denn auch ziemlich unglücklich ausgesehen haben, als ich auf halber Strecke einen Japaner auf seinem Fahrrad treffe. Trotzdem keine Kommunikation möglich ist, schaffen wir es doch uns auszutauschen, wo wir hinwollen, auch wenn ich länger brauche, um das glaubhaft zu erklären. Daraufhin komme ich das erste Mal in den Genuss japanischer Gastfreundschaft. Er zückt sofort sein Handy, versucht vergeblich jemanden zu erreichen und gibt mir stattdessen die Telefonnummer eines Freundes aus Sapporo. Das wäre geregelt, dort könnte ich schon mal absteigen. Anruf in Englisch würde genügen.
Er verabschiedet sich und radelt weiter.
Gleiches passiert mir nachdem ich in Kabutonuma angekommen bin. Weil ich einfach meine Herberge nicht finden kann, frage ich in einem kleinen Laden. Nachdem klar ist was ich möchte ist niemand mehr zu bremsen. Nach diversen Telefonaten steht mein "Herbergsvater" vor dem Laden und holt mich mit seinem Auto ab.

Mit unendlicher Geduld telefonieren die beiden, um meine heutige Unterkunft zu finden

Die erste Nacht verbringe ich prima, aber vollkommen erschöpft auf dem Fußboden meines Zimmers. Das Bett ist einfach zu kurz für mich.
Am nächsten Morgen werde ich aufs freundlichste verabschiedet und mache mich auf den circa 17 Kilometer langen Weg nach Toyotomi. Um 8:15 Uhr geht es los und ich ahne was mich erwartet. Es ist jetzt schon gnadenlos heiß.
Den ganzen Weg laufe ich ohne die Chance auf einen kleinen Schatten oder die Möglichkeit auszuruhen am Rand einer hoch frequentierten Straße entlang.
Inzwischen melden sich auch die ersten drei Zehen mit herrlichen Blasen.

Keine Chance auf ein bisschen Schatten

Unterwegs am Straßenrand steht dann so etwas wie ein transportables Dixieklo mit einer Stufe davor. Das ist zwar ästhetisch fragwürdig, aber man könnte einen Augenblick sitzen.
Kann man aber nicht!
Die Stufe ist aus Metall und so aufgeheizt, dass ich mir fast den Hintern verbrenne.
Also Augen zu und durch bis ans Ziel. Dort angekommen kann ich nur noch völlig erschöpft auf meinen Futon fallen. Die Hitze macht mir wirklich zu schaffen.

Der Abschied am nächsten Morgen wieder so freundlich, dass ich mir vornehme dringend mehr und schneller Japanisch zu lernen. Aus einem englischen Wörterbuch wird mir
"Passen Sie auf sich auf" und "Gute Reise" vorgelesen.
Der Weg nach Honorobe, wiederum circa 18 Kilometer, gestaltet sich wie der Vortag. Heute bin ich aber schlauer und ignoriere die Sonne. Das geht zwar nicht, aber es gibt mir ein gutes Gefühl, entrinnen kann ich ihr ja sowieso nicht.
Ebensowenig den Mücken!
Wovon haben die gelebt als ich noch nicht hier war???

Nach Honorobe wird mir auch auf Anfrage des hiesigen Gastwirtes ein Fax mit der Anschrift und der Adresse des nächsten Hotels geschickt. Damit gelingt es mir dann in Nakagawa schnell meine Bleibe zu finden. Das ist auch nötig. Um 5:00 Uhr war ich losgelaufen um in vertretbarer Zeit die heutigen 35 Kilometer zu bewältigen.
Wie fertig ich am Ende bin?
Ich glaube nicht, dass es lohnt, darüber zu schreiben. Richtig fertig!!
Am Abend werde ich mit einem leckeren Mahl verwöhnt und nach einer kurzen Nacht breche ich erneut um 5:00 Uhr morgens auf, um wieder 35 Kilometer bis nach Otoineppu zu laufen. Hier bleibe ich einen Tag länger, um mich zu erholen. 

Belohnung für einen anstrengenden Tag

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Zweite Etappe: von Otoineppu nach Asahikawa

Meine rettenden Freunde Koto und Yo

Der Pausentag in Otoineppu gestaltet sich sehr ruhig und beschaulich. Es regnet den ganzen Tag in Strömen. Ich bewege mich nicht vom Fleck, betreibe intensive Fußpflege und halte innere Einkehr.

D.h., was mache ich eigentlich hier?

Am nächsten Morgen fällt es mir nach der Pause umso schwerer wieder aufzubrechen. Jetzt erst merke ich wie strapaziert der Körper schon nach den ersten Tagen ist. Meiner Stimmung ist das nicht sehr zuträglich!

20 Kilometer laufe ich dann durch einen schwülen Backofen. Dann eine Busbude! Eine richtig kleine feine Busbude mit Sitzbank. Für mich ganz allein. Ein Schattenpalast!!
Ich glaube es nicht, aber ich bin dem Himmel nicht fern. Gegenüber sogar ein Getränkeautomat und ich ziehe eine Flasche eisiges Wasser. Herrlich!!!
5 Minuten sitze ich hier schwitzend als etwas Unglaubliches passiert. Aus dem gegenüberliegenden Haus kommen zwei Jungen und bringen mir eine Tüte mit gekühltem Obst....
Das Gefühl, dass die beiden mir bereiten, ist mit meinem momentanen Wortschatz nicht zu fassen. Sie beschämen jeden, der länger als 10 Sekunden über das Wort Gastfreundschaft nachdenken muss.


Einer meiner typischen Rastplätze

Allein für so ein Erlebnis ist es wert die ganze Reise zu machen. Und mit entsprechender Stimmung laufe ich dann auch bald in Bifuka ein.
Das Gefühl hält offenbar vor, denn die Nacht schlafe ich sehr gut und am nächsten Morgen geht es, gestärkt mit einem Kaffee, weiter nach Nayoro.
Der Rucksack hat plötzlich sein Gewicht verloren und auch das Wetter ist heute ausnahmslos auf meiner Seite.
Im Hotel werde ich nett versorgt und ich bin zeitig genug heute, um noch ein wenig sightseeing zu machen.

...tja, wo ist es denn?

So gestalten sich die beiden nächsten Tage auch. Aber wie immer im Leben, einen kann man noch draufsetzen:
Die Mücken haben ihr Interesse an mir verloren!      Es ist wirklich auffällig, keine einzige piesackt mich mehr seit zwei Tagen.
Und so ist der Weg nach Wassamu über Shibetsu wirklich herrlich.
Die nächste Etappe nach Pippu eigentlich auch, eigentlich... 

Ich verlaufe mich bei diesen hochsommerlichen Temperaturen und gönne mir 10 Extrakilometer. Den Kommentar dieser zweieinhalb weiteren Stunden schreibe ich hier besser nicht.
In Pippu dann muss ich mir das erste Mal mein Zimmer zeigen lassen.

Die letzte Etappe nach Asahikawa ist zwar nicht so richtig schön, den gestern verlaufenen Weg gehe ich heute zum zweiten Mal, aber die Aussicht auf einen Pausentag mit einem Pausenbier in einer größeren Stadt hat schon einen gewissen Reiz.

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Dritte Etappe: von Asahikawa nach Chitose

Mein Pausentag in Asahikawa gestaltet sich deutlich anstrengender als ein Wandertag. Dieses ganze Verwalten, Informieren, Auf-dem-Laufenden-Halten ist nicht meine Stärke.
Eine Buchung im Hotel für den Folgetag ist diesmal auch nicht möglich - man kenne kein Hotel in Fukagawa und ein Telefonbuch besäße man auch nicht.
...zweimal sehe ich die gekreuzten Finger. Naja...
Die Buchung dann, mit Hilfe der Touristinfo am Bahnhof, kostet mich drei Stunden meines Pausentages.
Im Anschluss suche ich ein Internetcafe und nachdem alle Mails beantwortet, mein Tagebuch getippt und die Fotos geladen sind,... stürzt der PC ab.
Nach diesen weiteren circa vier verlorenen Stunden entscheide ich, zukünftig nur noch der guten alten Post zu vertrauen.
Internet wird zum ersten Mal zum Schimpfwort.

Pausentag in Asahikawa

Herr Takaaki Nayuki mit Gattin, die mich beide verwöhnen und mir eine tolle Zeit bescheren

Der nächste Wandertag gestaltet sich unproblematisch. Und ich erreiche zeitig Fukagawa.
In einem Cafe lerne ich Herrn Takaaki Nayuki kennen und wir kommen, soweit das möglich ist, ins Gespräch. Wir entwickeln ein Gespräch aus Japanisch, Englisch, "händig", und "füssig".
Aber es geht.
Herr Takaaki Nayuki lädt mich zu sich nach Hause ein und er und seine Frau verwöhnen mich mit leckerem Bier und Naschereien.



Nach langen Tagen muss man sich auch mal was gönnen. Mein Zimmer in Fukagawa

Baustellen. So bedankt man sich für die Geduld, die diese einem abverlangen. Ein ungewohnter Anblick der aber versöhnt

Am nächsten Tag läuft es nicht so gut. Ich habe das Gefühl ständig nur über Baustellen zu stolpern und es kommt kein rechter "Fluß" auf.

Die beiden letzten Tagesetappen nach Atsubetsu und Eniwa aber sehr schön und ruhig. Zudem sind beide sehr kurz, circa 20 und 12 Kilometer und ich bereite mein Essen und Trinken für den nächsten Tags schon abends vor.

Im Moment macht das Laufen Spaß.

Trotzdem bin ich froh als ich Eniwa erreiche und freue mich auf einen ruhigen "Feierabend"...
Daraus aber wird nichts!!!
Herr Nishiyama Fumitake von der Hotelrezeption ist so begeistert von meiner Reise, dass er kurzentschlossen die Presse benachrichtigt.
Daraufhin erscheint Herr Sakei Sohei und wir machen unser Interview - bei ihm und seiner Frau zu Hause!
Auch dort werde ich köstlich bewirtet und verwöhnt und wir haben viel Gelegenheit uns zu unterhalten. Am nächsten Tag bringen mir die beiden sogar ein Exemplar der Zeitung mit "meinem" Artikel nach Chitose hinterher und versorgen mich mit weiteren Infos zu meiner Reise, sowie diversen Fotos von gestern.
Auch hier nochmals vielen Dank!

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Vierte Etappe: von Chitose nach Date

An meinem freien Tag in Tomakomai lasse ich es mir richtig gut gehen. Sightseeing und ausruhen. Naja, und meine Wäsche lasse ich waschen. Seit ich es beim letzten Mal selbst gemacht habe ist mir alles um zwei Nummern zu klein...
Das Problem dabei, ich nehme nicht wie erwartet ab, sondern zu!
Das japanische Essen ist einfach lecker!
Und was mache ich jetzt, wo noch ein bisschen Zeit ist?
Ich gehe essen!

Die beiden nächsten Tagesetappen sind einfach herrlich. Zwei ganze Tage laufe ich ununterbrochen am Pazifik entlang. Zudem sind die Strecken recht moderat und die Versorgung mit kleinen Supermärkten und Getränkeautomaten ist lückenlos perfekt.

Einfach herrlich und entspannend jenseits aller Hektik am Pazifik entlang zu laufen

Und auch die Versorgung ist gesichert

Meinen freien Nachmittag in Noboribetsu nutze ich, um zum "Karneval" zu gehen.
Im Hotel hatte man mich darauf hingewiesen, dass ein paar Straßen weiter ein Straßenfest stattfinden würde.
Ein wirklich buntes Treiben, für mich aber der Höhepunkt:
Der dänische Stand!
Von hier aus wird eine Partnerschaft mit einer dänischen Stadt gepflegt und ich werde von den Japanern, die diesen Stand betreiben, zum Bier eingeladen.

Wir reden Dänisch und Englisch. Das tut gut und hilft ein bisschen gegen die Einsamkeit, die manchmal sehr stark ist.

Der letzte Abschnitt bis nach Date gestaltet sich aber doch wieder anstrengender als erwartet.
Irgendwie bin ich angeschlagen, habe Husten.
Heute ist übrigens ein Ausnahme- und Glückstag! Zweimal werde ich von zwei älteren Damen angesprochen. Wo ich herkomme und wo ich hin wolle möchten sie gern wissen.
Für mehr reicht es leider nicht, aber es gibt mir ein wirklich gutes Gefühl, nicht so ganz allein zu sein. Übrigens habe ich ein wenig das Gefühl, dass die Frauen deutlich offener mir gegenüber sind als die Männer. Außerdem fällt mir auf, dass die ältere Generation bei weitem aufgeschlossener ist, als die jüngere. Mich wundert es, aber es ist meine Erfahrung bislang.
Vielleicht, weil ich selbst zu den "alten Knochen" gehöre?

Im Hotel in Date dann nur noch entspannen, nichts tun, essen, duschen und darüber nachdenken wie gut es mir geht - auch wenn das nicht immer leicht fällt.

Im Hotel angekommen und völlig fertig, aber...

...nach kurzer Zeit wieder erholt!

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Fünfte Etappe: von Date nach Lake Towada

Ich bin meiner Absicht, ausschließlich zu Fuß zu gehen, untreu geworden! Jetzt sitze ich im Zug von Oshamanbe nach Hakodate. Ich kann im Moment einfach nicht mehr. Alles tut weh, alles will eine kleine Pause. Auf diesem Streckenabschnitt gibt es leider keine Hotels innerhalb von 30 Kilometern und nach drei Etappen von mehr als 30 Kilometern pro Tag, machen meine Beine einfach nicht mehr mit im Moment. Nach langem Zögern nehme ich den Zug. Man stelle sich jetzt einfach vor, im Express zu sitzen, die Beine auszustrecken und auf den Pazifik zu schauen. Herrlich! Ich genieße meine momentane "Untreue"!

 

Kurze Danksagung:

Außerdem habe ich das Glück im Zug Frau Chizuko Watanabe kennenzulernen und sie erzählt mir sehr viel über dieses wunderbare fremde Land. Danke an sie, falls sie das hier liest.
Ebenso, und das ist lange überfällig, danke ich all den netten Menschen für ihre guten Wünsche und netten Kommentare in meinen Gästebüchern. Bitte um etwas Geduld (nein, lieber viel Geduld). Sobald es mir möglich ist werde ich antworten. Bei allen ist es mir sicher nicht möglich, es sind einfach zu viele.
Und einen besonderen Dank an Frau Kaori Tsuji und Herrn Hiroshi Hosogoe, die beide mein Tagebuch vom Deutschen ins Japanische übersetzen.

In Hakodate mache ich Urlaub vom Urlaub. Ich ertappe mich dabei, wie ich stundenlang durch die Docks von Hakodate schlendere und fotografiere. An einer Abwrackstelle könnte ich unendlich lang sitzen und nichts anderes als rostiges Eisen, müde Planken, morsches Tauwerk anschauen.
Und die alten Schiffe! Was liegen hier für Geschichten und werden langsam vom Gras überwuchert.
Tausend Geheimnisse......


Ich finde, dieses Bild sieht aus wie ein Versprechen....

Sightseeing! Auf meinem Weg komme ich an einem schönen großen Schrein, verschiedenen Kirchen und anderen historischen Sehenswürdigkeiten vorbei. Und an Raymans Wurstladen, der weit über die Präfektur hinaus bekannt ist. Ich entscheide mich aber gegen Bratwurst, sei sie noch so berühmt! Gestern war ich bei zwei älteren Damen in einem Restaurant abseits der Hauptstraßen und dort wurde ich so liebevoll mit einheimischer Kost versorgt, dass ich mir selbst versprochen habe, heute wieder hinzugehen. Und die Entscheidung war prima!
Irgendwann auf meinem weiteren Weg komme ich dann zum Monument von Jo Niijima und seinem "sailing abroad" und muss feststellen, dass ich offenbar den gleichen Weg gehe wie diverse Schulklassen. Hier treffe ich ein kleines Grüppchen toller Typen, die keine Berührungsängste kennen. Nach dem ersten schüchternen "Hello" des Mutigsten ( der sich sicher fragt, ob die Langnase wohl antworten wird), kann ich mit "Konnichiwa, genki?" kontern und das Eis ist gebrochen. Wir reden und lachen und hören erst auf zu winken, als ich auf der anderen Hafenseite außer Sicht bin.


Tollkühne Kerle! Hoffentlich irgendwann einmal Weltenbummler...

 

Übermorgen geht es nach Aomori auf Honshu. Ich freue mich, dass die erste große Etappe, Hokkaido, zu Ende geht. Und trotzdem, nach allem was ich hier erlebt habe, schon jetzt der Wunsch: ich möchte wiederkommen!
Bis dann, und hoffentlich bis bald, Hokkaido.

In Aomori holt mich Oga von der Fähre ab. Es hat sich inzwischen bis nach Tokio herumgesprochen, dass ich unter einem ziemlichen "mentalen Tief" gelitten habe. Den Körper kann ich durch eine sehr strikte Planung des Tagesablaufes in den Griff bekommen. Ich kenne das kontinuierliche Bergab meiner Kräfte bis zum Abend. Darauf kann ich mich inzwischen einstellen.
Im Inneren sieht es etwas anders aus. Tagelang wechselte bei mir die Stimmung zwischen Himmel und Hölle, und das meist im Stundentakt. Ich fühle mich sehr oft sehr allein und das hat eben manchmal seinen Preis.
Aber Ogas Gesellschaft baut mich schnell wieder auf. Ich kann reden und reden und reden.... der arme Kerl!
Wir verbringen fast drei Tage miteinander. Meine beiden ersten Etappen auf Honshu wandern wir gemeinsam und ich bekomme gleich zu Beginn einen Höhepunkt geboten:
den Lake Towada.

Hier verlässt Oga mich dann auch wieder und mental gestärkt durch ihn und durch unendlich viele liebe Nachrichten, die mir fremde Menschen schicken und die Oga mir übersetzt, mache ich mich mit neuer Zuversicht auf den Weg. Mal sehen, was mich jetzt bis Tokio, meinem nächsten großen Ziel, erwartet.

 

Und auch diesen schönen Ort muss ich wieder verlassen.

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Sechste Etappe: von Lake Towada nach Morioka

Diese ist eine eigenartige Etappe. Anfänglich fällt mir alles schwer. Es war einfach herrlich, zweieinhalb Tage Oga als Guide zu haben und einfach nur hinter ihm herzulaufen, mich um nichts zu kümmern zu müssen, nichts zu tun, er wird es schon richten.

Und wie schnell man sich daran gewöhnt merke ich als Oga mich am Lake Towada wieder verlässt.

Ein wenig verloren stehe ich dort noch herum und mag mich nicht bewegen. Aber es hilft ja nichts. Ich mache ich mich durch eine sehr einsame Gegend auf den Weg in mein nächstes Hotel in der Nähe von Kosaka, das Oga schon für mich gebucht hat. Sehr einsam. Und als ich einem Angler mit einem Glöckchen an der Jacke begegne, erinnere ich mich an Oga als er mir erzählte: dieses Jahr sechs Bärenopfer in der Präfektur Aomori. Oh ja, das hatte ich vergessen. Ich bin heute deutlich schneller und das erste Mal singend am Ziel.

In dem Hotel, in dem ich übernachte, wird mir mein Abendessen auf meinem Zimmer serviert. Ein Service, den ich einerseits, weil ich so kaputt bin, sehr genießen kann, andererseits überfordert mich diese Art Service aber sehr und ich möchte den Damen alles aus der Hand nehmen. In diesem Zusammenhang überdenke ich die Rollenverteilung zu Haus.

Am nächsten Tag auf dem Weg nach Appi Kogem merke ich dann, dass ich meine Straßenkarten vergessen hab. Das ist aber kein so großes Desaster, weil ich mich mit touristischem Info­ma­terial behelfen kann, denke ich, aber irgendwie stelle ich dann doch meine Hirnleistung in Frage und komme zu keinem tröstenden Ergebnis.

Wunderschöne Steinmetzarbeit und irgendwie weiß ich jetzt auch ungefähr, wo ich bin.

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Siebte Etappe: von Morioka nach Furukawa

Am nächsten Morgen bin ich böse und gnaddelig. Ich komme halt aus Norddeutschland und habe ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis. Ich habe die Nacht in meinem begehbaren Sarg schlecht geschlafen und als ich in der Nacht einmal „für große Jungs“ muss, stürze ich auch noch über die Schwelle der Klotür. Zum Glück ist mein Zimmer so klein, dass ich nicht richtig hinfallen kann. Also nur eine Beule am Kopf und ein verknackster kleiner Finger, den ich aber zum Bierdosen öffnen nicht brauche...
Aus Trotz will ich jetzt auch kein Frühstück. Allerdings riecht es so lecker, dass ich dann doch nicht nein sagen kann und so trinke ich zwei Tassen Kaffee aus einem Business-Automaten.
Wieder einmal sitze ich allein an meinem Tisch. An anderen Tischen sitzen zum Teil vier, fünf Leute. Ich kenne das schon, aber heute tut es meiner Seele nicht gut. Am liebsten würde ich aufstehen und sagen "nur weil ich Europäer bin habe ich doch nichts Ansteckendes an mir. Ich bin zwar ein bisschen verrückt, aber harmlos".
Aber leider reicht mein Japanisch dafür noch nicht aus.
So gestaltet sich dann auch mein Aufbruch: ich will heute einfach nichts sehen. Augen zu, Sinne abschalten und schnell nach Shiva ins Hotel. Tür zu und mindestens ein Bier mehr als vernünftig. Lieber zwei!
Aber es kommt alles ganz anders.
Ungefähr zwei Kilometer vor meinem Hotel spricht mich ein Mann an und stellt sich als Herr Minoru Suzuki vor. Er will mich im Auto mitnehmen.
Ich will aber nicht. Ich will laufen. Ich habe allerdings das Gefühl, dass er nicht glaubt, dass es so verrückte Typen gibt, die lieber laufen, als mit dem Auto zu fahren.
Und da alle meine Erklärungsversuche scheitern und er hartnäckig bleibt, steige ich dann einfach ein. Wir fahren zu einem Freund von ihm, zu Herrn Hiroshi Chida. Und zu dritt machen wir eine Sightseeing Tour, nachdem wir eben noch schnell bei Frau Mary Kikuchi waren, die sehr gut Englisch spricht und mir erklärt, dass die Beiden mir einfach nur etwas Gutes tun wollen.

Meine beiden Guides auf der heutigen Sighseeing Tour

Anschließend fahren wir dann noch ins Schwimmbad und auch danach komme ich noch nicht in mein Hotel. Ich werde noch zum Essen eingeladen. Das gestaltet sich sehr bunt, mit viel Bier und Sake und ich schlafe schon fast am Tisch ein. Dann kommt die Sprache auf meine Reise und Herr Chida ruft kurzerhand die Presse an und so warten wir auf den Reporter. Wegen der Verständigungsprobleme müssen wir allerdings noch auf Frau Kikuchi warten und dann haben wir endlich das Interview im Kasten.
Ich spüre schon mein weiches Bett...
Aber nichts da. Ein Freund meiner beiden Guides, der auch zu unserer Runde gehört, lädt uns in eine Karaoke Bar ein und ich singe gemeinsam mit Herrn Woerle aus Österreich, der hier arbeitet und um mir die Chance zu geben endlich Deutsch zu sprechen, ebenfalls in unsere Runde eingeladen wurde, ein Lied von Nena. Nena! Ja, richtig gelesen.
Dann darf ich mit reichlich Bier und Sake ins Bett.
Und da ich gerade in einer Sightseeing Phase bin, vereinbaren Herr Suzuki und ich für den nächsten Tag noch eine Tour. Um 10:00 Uhr holt er mich gemeinsam mit Frau Mori Chiharu ab und wir verbringen einen bunten Tag. Frau Mori ist unsere Dolmetscherin.

Ein Foto im Kimono gehört einfach dazu. Dass ich trotz meiner netten Begleitung höllische Kopfschmerzen habe sieht man doch nicht, oder?

Beim Teezeremoniell, dass ich sehr genießen kann. Es beinhaltet eine große Ruhe und war ein sehr schönes Erlebnis.

 

Der nächste Tag ist Pausentag! Und den habe ich mir verdient.
Dann möchte ich endlich wieder laufen. Lange, langsam und weit, - und so überdenke ich noch einmal den Inhalt meines Rucksacks.
Ich entledige mich meines letzten Handtuchs, eines T-Shirts, eines Shampoos (billige Familienflasche), meiner Rasierer und meiner Medikamente gegen Durchfall und Verstopfung.
Außer meiner Euphorie besitze ich jetzt nur noch das Notwendigste.
Zum Stichwort "Euphorie": vielleicht sollte ich an dieser Stelle einmal ein paar Worte über meine Stimmungslagen verlieren. Ich werde ja oft danach gefragt.
Ich halte das eigentlich für sehr persönlich, aber wir sind ja quasi unter uns.
Prinzipiell schwanke ich zwischen dem zutiefst verankerten Gefühl "ja, ich bin einfach im Himmel" und dem bitteren Endzeitstimmungswunsch "warum holt mich niemand raus aus dieser Hölle".
Zwischen diesen Polen schwanke ich, seit ich unterwegs bin. Das geht manchmal im 5 Minuten-, manchmal im Tagesrhythmus. Allemal ist es sehr anstrengend und kraftraubend. Genährt werden diese Stimmungslagen durch die drei Dinge, mit denen ich am meisten zu tun habe und schwer klarkomme. Erstens: Als Wanderer in einem sehr "lebhaften" Land ist es der Straßenverkehr und der damit verbundene Lärm. Zweitens: Es ist das Wetter hier, einfach zu heiß manchmal für mich als Nordlicht. Drittens: es ist die Einsamkeit der Sprachlosigkeit, die schlimmste Form, die Art der Einsamkeit, die sich verstärkt mit der Anzahl der Menschen, die einen umgeben. Unter den drei Punkten gibt es keine Rangliste. Manchmal ist die Einsamkeit das Schlimmste, 5 Minuten später ist es der Straßenverkehr und die Einsamkeit ist kaum noch spürbar, usw. usf.
Das ist der Grundtenor in dem ich im Moment lebe, und der wird von der täglich sich wiederholenden "Erschöpfungsstimmung", so nenn ich das jetzt einfach, überlagert.
Ein Grund warum ich zu Fuß geh: es schärft die Wahrnehmung für feinere Wirkungseinheiten.
Je stärker ich zum jeweiligen Etappenende hin körperlich abbaue, umso feiner wird meine Wahrnehmung von alledem, was um mich herum passiert. So empfinde ich das.
Ich erlebe nicht nur durch die langsame Gangart, sondern auch durch die feinere Wahrnehmung einfach mehr. Positives als auch Negatives.
Ich liebe das! - Ich hasse das!- Ich liebe das! - Ich...

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Achte Etappe: von Furukawa nach Haramachi

Trotz des ausgeräumten Rucksackes und dem Wunsch endlich wieder lang und weit zu laufen, wird diese Etappe für mich zu einer der schwersten, langwierigsten und anstrengendsten - und am Ende auch noch zu einer der kürzesten. Ich bin körperlich einfach nicht richtig in Form. Ich weiß auch nicht woran es liegt. Vielleicht ist mein Körper einfach zu"overstressed".
Das OK der Beine spielt eine ganz entscheidende Rolle, das erfahre ich wieder einmal in den nächsten sieben Tagen. Ich finde einfach keinen Start und keinen Rhythmus. Im allgemeinen gehöre ich zu den "senilen Bettflüchtern" und freue mich vor dem Schlafen nicht auf das Schlafen selbst, sondern schon immer auf den nächsten Tag, meine Tasse Kaffee und das frühe Aufstehen. Meine Herzallerliebste wird das ("Augen verdrehend") bestätigen können.
Nicht so in dieser Woche. Ich trödle und trödle und schiebe hinaus und bleibe noch ein halbes Stündchen liegen und noch eins....

Nur noch ein Viertelstündchen.....

In dieser Woche präge ich den Begriff, dass Japan nicht nur das Land der aufgehenden Sonne und des Lächelns ist, sondern auch das "Land ohne Sitzgelegenheiten für Wanderer". Manchmal laufe ich 3-4 Stunden ohne die geringste Chance, einmal kurz irgendwo sitzen zu können. Und ich bin nicht anspruchsvoll. Mir reicht schon ein vergessener Ziegelstein am Rande eines Parkplatzes.
Es ist ganz schon anstrengend wenn man ausruhen möchte und muss, aber nicht kann.
Einmal habe ich Glück und finde einen Platz zum Sitzen und das bringt mir eine nette Begegnung und eine tolle Geschichte:
Eine parkähnliche Anlage von circa 20x20 Metern teile ich mir mit einer älteren Dame und mit ihrem Hund. Wir begrüßen uns beim Ankommen und verabschieden uns beim Gehen. Und dabei sieht sie offenbar die beiden Flaggen (Japan/Deutschland), die ich hinten an meinem Rucksack trage und geht mir nach.

Sie spricht hervorragend Englisch und erzählt mir, dass sie Freunde in Deutschland hat. Dann lädt sie mich zu sich nach Hause auf einen Kaffee ein. Eine wirklich bemerkenswerte Begegnung mit einer zutiefst freundlichen Frau, mit einem dicken, alten, geschichtenschweren Fotoalbum, das ich mir anschauen darf. Sie hat viel von der Welt gesehen, elf Jahre lang in Italien gelebt und dort Bildhauerei studiert.
Für mein Tagebuch habe ich meine Camille Claudel gefunden.
Ich weiß jetzt wieder warum ich reise.
Tage könnte ich hier noch verbringen, aber der Anstand und der lange Weg, den ich noch vor mir hab, lassen das leider nicht zu.

Im Moment leide ich auch wieder besonders unter dem starken Straßenverkehr. Vielleicht, weil ich körperlich etwas "schwächle".
Abends im Hotel fragt mich die Dame an der Rezeption wie ich das alles aushalten könne und ich antworte ehrlich, dass es bis zum frühen Nachmittag ginge, aber ab da schafft es mich einfach und macht mich manchmal fertig.
Lächelnd antwortet sie mir, dass man es, wenn man hier geboren ist, etwas länger aushält

Manchmal schon etwas Sehnsucht nach dem Wattenmeer

Über ein kleines Ärgernis in diesem hochtechnisierten Land muss ich mir auch noch Luft verschaffen. Neben meiner "Ich-lass-dich-nie-aus-den-Augen-Tagebuch-Kamera" habe ich mir zu Beginn der Reise eine ganz kleine Kamera mit großem Speicherplatz gekauft, die ich dazu nutze, kleine Filmchen aufzunehmen. Aber auch der größte Speicher ist einmal voll und man denkt, man geht einfach in den nächsten Fotoladen, kopiert alles auf eine DVD und kann wieder weiter filmen. Nichts da. Ich finde auf meinem Weg keinen Fotoladen, der sich dazu im Stande sieht. Wie kann das sein? Seit jetzt vier Wochen schlagen alle Versuche fehl.
Liegt es an mir?
Was mache ich falsch?
Kann mir einer meiner japanischen Leser einen Tipp geben?

In Sendai habe ich dann endlich meinen ersehnten Pausentag:
Spät aufstehen, lecker frühstücken und dann den ganzen Tag, fernab der Hauptstraßen herumtrödeln, genießen und fotografieren.
Entsprechend guter Stimmung erreiche ich dann auch am nächsten Tag Iwanuma. Und da ich früh angekommen bin, kann ich mein Sightseeing in aller Ruhe fortsetzen. In der Nacht wache ich dann von prasselndem Regen und heulendem Wind auf. Draußen tobt einer sagenhafter Sturm und es regnet Bindfäden.
So schlimm finde ich es aber nicht. Ich kenne das schon aus den vergangenen Wochen und in den nächsten 7-8 Stunden kann das Wetter schon wieder hervorragend sein. So wird es auch dieses Mal, dachte ich zumindest...
Als mein Wecker klingelt, stürmt und regnet es noch viel mehr! Und in diesem Inferno mache ich mich auf den Weg. Nach einer halben Stunde komme ich am Bahnhof vorbei und weil ich pitschnass bis auf die Haut bin und friere, will ich mir etwas Gutes tun und beschließe, zum nächsten Etappenziel mit dem Zug zu fahren. Am Schalter aber zeigt man mir die gekreuzten Finger: bei dem Wetter fährt kein Zug!!
Ich bin in den Ausläufer eines Taifuns geraten.
Also noch ein Pausentag in Iwanuma.

Wandern im Ausläufer eines Taifuns

 

Am nächsten Morgen hat sich aber alles beruhigt und bei mäßigem Wind und Nieselregen laufe ich nach Haramachi.
Irgendwann, auf halber Strecke, finde ich am Straßenrand doch tatsächlich mal eine Bank und kann etwas ausruhen. Da sitze ich nun, erschöpft im Wind und im Regen und esse halbaufgeweichte Schokolade und merke, dass ich heute abend dringend mein Hemd waschen muss...
Ich fühle mich ein bisschen verloren. Was mach ich hier?
Ich bin nun bald 50 Jahre alt.
Die meisten Männer in meinem Alter würden als Hobby "Sport" angeben und das Schaukeln der Enkel auf den Knien auf dem Campingplatz meinen.
Keine so schlechte Perspektive, hm, aber dann erinnere ich mich an die 100 Erlebnisse der letzten Wochen und dass ich noch nicht einmal die Hälfte hinter mir habe.
Ich bin gespannt, was noch kommen wird.
Und die Schokolade schmeckt auch gar nicht mehr sooo schlecht.

PS.
Manche Sitzgelegenheiten sind dann doch genial.
In diesem Hotel hatte ich sogar Meerblick!

Abschalten und den Schiffen nachschauen

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Neunte Etappe: von Haramachi nach Hitachi

Diese Etappe war, was meine Physis angeht, bislang die schrecklichste. Mein körperlicher Zustand verbessert sich einfach nicht, ganz im Gegenteil, er verschlimmert sich schnell und deutlich und verhält sich diametral zu meiner Lust am Laufen. Ich glaube ich habe entweder ein wenig überreizt was meine läuferische Ambition angeht oder aber irgendeine Infektion. Keine Ahnung. Ich schwitze bei der kleinsten Anstrengung über die Maßen, manchmal muss ich schon nach einer halben (!) Stunde Pause machen um meine Wäsche zu trochnen, zudem ist meine Haut stark gerötet und ich habe ganz dunkle und glasige Augen.
Tunnelblick und Kopfschmerzen. Das erste Mal mache ich mir ein wenig Sorgen. Ich höre auch auf, Kaffee, Tee und heiße Suppe zu trinken. Alles was ich an Wärmemenge zuführe bezahle ich mit stundenlangem Schwitzen. Ich bin auf Eiswasser umgestiegen. Ich denke lange darüber nach ob ich nach Hause schreibe was die Symptome bedeuten, aber das würde nur unnötiges Kopfzerbrechen bereiten und wenn ich die Antwort habe bin ich längst wieder gesund. Es macht keinen Spaß in diesem Zustand zu laufen, trotzdem treibt mich eine große Lust. Schon komisch.

Als ich in Tomioka einchecke, habe ich nur den Wunsch nach einer kalten Dusche und nach meinem Bett.
Auf beides werde ich verzichten. Als ich mein Zimmer betrete, habe ich den schönsten Ausblick, den man sich vorstellen kann. 300 Meter vor mir liegt der Pazifik! Ich bin im Himmel, kann mich nicht satt sehen. Fenster auf, alle Vorhänge beiseite und den Stuhl ans Fenster. So könnte ich stundenlang sitzen und hören, sehen, riechen...
Tomioka muss eine Traumstadt sein. Vor dem Ozean eine große Straße, davor die Eisenbahn. Was für Sehnsüchte fahren hier vorbei, wieviele Tränen des Abschieds und des Fernwehs.
Tomioka muss eine Tränenstadt sein. Ich kann mich einfach nicht satt sehen. Als es dunkel wird, möchte ich endlich schreiben..., aber dann, die See bei Nacht und die Seezeichen, ich zähle die Wiederkehr der Leuchtfeuer und ganz, ganz weit am Horizont die Schiffe, Südkurs, Nordkurs, grün und rot...

Oh je, Tomioka ist eine Tränenstadt,  jetzt auch fast für mich.
Ich würde jetzt gerne zuhause anrufen: sag mal, hast du übernächstes Jahr
schon etwas vor?

Iwaki erreiche ich am nächsten Tag wieder einmal klitschnass. Bevor ich ins Hotel kann ist noch ein wenig Zeit und so flüchte ich mich in ein Einkaufszentrum zum Trocknen. Auf meiner Bank in einer Ecke werde ich dann wieder zur Attraktion. Jeder schaut, aber niemand sieht mich. Im Moment reicht es bei mir aber nicht zum Flüchten, ich bin noch zu fertig. Ich bleibe sitzen
und..., das Glück schlägt zu. Zwei alte Damen setzen sich zu mir und ohne Scheu und Berührungsängste begrüßen sie mich.

 

Die beiden bescheren mir eine tolle und kommunikative Zeit

 

Und schon haben wir ein aufgeregtes und liebevolles Gespräch. Keiner versteht keinen, aber wir haben eine turbulente halbe Stunde. Die beiden laden mich zum Essen ein und wir machen ein Fest daraus und bevor wir uns trennen, sie haben keine Zeit mehr, schließlich waren sie ja zum Shopping hier, spendieren sie mir ein Esspaket für den weiteren Weg.

Das verschlinge ich am nächsten Tag auch mit Wonne auf dem Weg nach Nakoso.
Trotzdem schlägt mein maroder körperlicher Zustand auf meine Psyche durch und ich zweifle an allem was ich hier mache.
Zudem der krasse Unterschied im Verhalten einiger Menschen. Gestern die beiden netten und offenherzigen alten Damen, heute eine Frau in einem Cafe, die aufsteht und an einen anderen Tisch geht, als ich mich an ihren Nachbartisch (!) setzte. Ich bin dann in meiner Stimmung absolut unten. Ich fühle mich einsam, allein, empfinde alles als absurd was ich mache und entwickle ein unstillbares Heimweh. Hätte ich mein Ticket jetzt..., aber ich hatte so etwas geahnt. Mein Ticket liegt bei Oga in Tokio. Gut so.

Der letzte Tag dieser Etappe führt nach Hitachi und ich stecke schon wieder in einem Taifunausläufer. Es regnet und stürmt und ich habe schon eine gewisse Vorstellung was mich heute erwarten wird. Also Hut auf, Regenjacke an und die Kapuze bis über die Nase und schauen was kommt. Es kommen zuerst (30 Minuten) die nassen Füße. Nicht überall wo "waterproof" draufsteht sind auch trockene Füße drin. Auch der kleine Gore Tex Aufnäher hält nicht soviel, wie er verspricht. Und eine Regenjacke (45 Minuten) heißt Regenjacke weil sie gerne Regen aufsaugt. Jetzt weiß ich es endlich und so läuft es sich doch, wenn auch pitschnass, viel entspannter.
Ein Glück, dass ich dicht bin, auch wenn der eine oder andere Leser vielleicht denken mag das dem nicht so ist.

An der Rezeption in Hitachi reicht man mir zuerst ein Handtuch und dann sehr diskret die Preisliste für eine Übernachtung. Beides allerdings sehr nett und von auffälliger Höflichkeit. Ich werde genauso behandelt wie die drei Geschäftsleute im Nadelstreifen neben mir - die mich nicht sehen.
Später kommt ein asiatisches Pärchen an die Rezeption und hat die gleichen Verständigungsprobleme wie ich. Wie ich, helfen sie sich mit kleinen Skizzen, Wortschöpfungen der internationalsten Art und vielen Gesten.
In seiner Verzweiflung fragt mich der Maitre ob ich chinesisch sprechen würde.
Herrlich! Unsere Welt ist so bunt!!

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Zehnte Etappe: von Hitachi nach Tokio

Diesmal möchte ich damit beginnen, die Frage zu beantworten, die mir mit Abstand am häufigsten gestellt wird, nämlich, wie ich mit dem japanischen Essen zurecht komme.

Als Oga und Kazuha mich in Mito besuchen werde ich mit: „Hallo, du bist ja ein bisschen fett geworden!“ begrüßt.

Wirklich?

Und als ich dann abends allein in meinem Zimmer bin, riskiere ich einige verstohlene Blicke in den Spiegel. Na ja, könnte schon sein. So ein bisschen. Also, das japanische Essen schmeckt mir einfach ganz hervorragend.
Ich gehöre zwar nicht zu den Menschen, die bezüglich des Essens sehr wählerisch sind, eigentlich esse ich so gut wie alles und ich halte es nach wie vor für ein Geschenk, dort geboren zu sein und zu leben, wo es fast für alle selbstverständlich ist, täglich etwas zum Essen zu haben.
Trotzdem war ich vor meiner Reise natürlich etwas skeptisch und hatte mich darauf eingestellt ein paar Kilo zu verlieren. Aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, ich habe zugenommen. Die Hosen sitzen stramm. Ja, sehr stramm. Mein Lieblingsessen, Sashimi, roher Fisch.
Was ich inzwischen stehen lasse und ich bin nicht der einzige Europäer, wie ich inzwischen erfahren habe, ist Nato und Tofu. Beides habe ich einige Male probiert, aber Nato (Bohnen von eigenartiger Konsistenz. Ich könnte genauer beschreiben wie sie hergestellt werden), nein, ich weiß es auch nicht, ich mag sie nicht.
Tofu mag ich nicht so gern, weil ich immer das Gefühl habe, ein großes Nichts zu essen. Und warum sollte ich das tun wenn tausend andere leckere Sachen mich anlachen.
Schwer zu verstehen, dass es nur so wenige japanische Restaurants in Deutschland gibt.
Es ist wirklich lecker!
Als Überschrift für diese Etappe hatte ich an "Etappe der Genesung" oder "Etappe, in der ich unsichtbar bin" gedacht. Erstere, weil sich mein körperlicher Zustand deutlich verbessert hat. Ich schwitze nicht mehr so stark, Haut und Augen sind besser und auch die Kopfschmerzen sind weg. Fast täglich finde ich jetzt in meinem Tagebuch den Eintrag: körperlich geht es mir gut. Zweitere, weil diese Etappe eine ohne viele Begegnungen war und viele Menschen mich penetrant nicht gesehen haben, oder sogar vor mir geflüchtet sind. Schade.
Trotzdem gab es auch nette und schöne Erlebnisse.
In Hitachinaka bummel ich herum und gehe in ein Cafe, in dem mich ein Mann meines Alters anspricht. Wir sind die einzigen Gäste und so haben wir eine muntere Kommunikation. Er ist ein talentierter Hobbygitarrist und spielt für mich aus dem Stand "Lilly Marleen".
Ich bin beeindruckt. Um ein kleines Erinnerungsfilmchen aufzunehmen, bitte ich um ein zweites Lied und bekomme einen waschechten Flamenco zu hören.
Ja, Europa ist weit weg.
Da der Weg am nächsten Tag nach Mito nur sehr kurz ist, schließe ich meinen Rucksack weg, und gehe wieder auf Sightseeingtour, d.h. ich trödel auf dem Bahnhofsvorplatz herum und staune über sehr auffällige Edelpunk-Jugendliche. Meine Welt ist das irgendwie nicht mehr. Aber wäre ich dreißig Jahre jünger, wer weiß...

Oh man, wie die Zeit vergeht. Noch ist der Krug an mir vorübergegangen, dass mich ein Jugendlicher auf der Straße "Opa" nennt.

Ich muss Oga fragen, was "Opa" auf Japanisch heißt.

Als ich dann irgendwann abwechselnd in die Ferne der Straßenschluchten und auf meine Karte schaue, ja, wo ist denn nun mein Hotel, rempelt mich jemand mit "excuse me" an. Ha! Sie haben mich gefunden. Oga und Kazuha sind da und wir verbringen zwei tolle Tage. Wie kann ich das genießen! Muss mich um nichts kümmern, nichts denken, nichts planen. Einfach nur schauen und hinterherlaufen. Herrlich!
Als wir uns wieder trennen fühle ich mich auch nicht ganz so verloren wie beim letzten Mal. Das Wiedersehen zu meinem "Bergfest" steht ja kurz bevor.

Dann auf dem Weg nach Toride gelingen mir ein paar tolle Fotos. Seit langer Zeit sehe ich Gottesanbeterinnen und jedes Mal sitzen die Tiere so, dass ich keine Chance habe, heranzukommen. Wirklich keine. Ich lass mich nicht so schnell abwimmeln. Ich gebe es aber irgendwann auf, vergesse es, denke, die Saison ist vorbei. Und dann zufällig bei einer Pause sitzt eine direkt neben mir und frisst eine zappelnde Raupe bei lebendigem Leib. Das ist ein Geschenk. Wer gern fotografiert, wird mich verstehen.

 

Zusammen lassen die beiden mein Fotografenherz höher schlagen

Und plötzlich steht Tokio vor der Tür, noch circa 25 Kilometer. Und ich weiß nicht, was ich machen soll. Laufen, oder mit dem Zug fahren? Ich überleg lange, ob ich laufen soll, aber ich werde immer unsicherer, ich bin dieser urbanen Dichte einfach nicht gewachsen. Schon 25 Kilometer vorher fühle ich mich wie vor einer Großbildleinwand, auf der alles schneller abläuft und ich einfach nicht mithalten kann. Es wird zu einer echten Nervenbelastung. Zu Hause am Deich stolpert man ja vielleicht mal über ein Schaf, aber ein Einzugsgebiet von 40 Millionen Menschen ist schlichtweg zuviel für mich.
Nach langem Ringen mit mir entscheide ich mich dafür, den Zug zu nehmen. Ich nehme den Zug nach Ueno und dann die Metro ins Zentrum von Tokio. Hört sich leicht an, ist es aber nicht für mich, ich habe schon Schwierigkeiten, die richtige Buslinie von Husum nach Schleswig zu finden. 
Den ersten Zug verpasse ich absichtlich, um mich dem Chaos noch nicht auszusetzen.

...einer schafft es nicht mit hineinzukommen

Den zweiten auch, dann gehe ich erst einmal einen Kaffee trinken. Auf meinem Tisch steht

"Who are you today?"

Ich weiß es nicht. Soll ich zur Toilette gehen und in den Spiegel schauen, nein, nein, es gibt kein Zurück mehr, ich hatte Kazuha meine Ankunftszeit avisiert und ich muss jetzt in den Zug.
Der ist, wie erwartet, brechend voll. Man stolpert und drückt und quetscht sich in den letzten Winkel. So geht es 30 Minuten und dann das Umsteigen in die Metro. Das ist dann eine Steigerung in der x-ten Potenz zum Zug. Natürlich habe ich auch hier kein Talent und bin der Letzte der noch hineinkommt.
Immerhin ich bin drinnen. Nicht dagegen die Tragegurte meines Rucksacks. Die sind draußen. Gedanken mach ich mir allerdings erst, als auf den folgenden Stationen immer nur die Türen auf der anderen Seiten aufgehen... Soll ich beschreiben, wie viele kuriose Pläne ich in kürzester Zeit zur Rettung meines Hab und Guts entwickle....?
Aber es gibt auch einen Metro-Gott und ich rette mich und meine Habseligkeiten irgendwann wieder ans Tageslicht (übrigens richtige Station und richtiger Ausgang!). Wer Tokio-Erfahrung hat, darf jetzt ruhig ein "Toll!" in mein Gästebuch schreiben.

Der nächste Tag ist dann Ruhetag! Bis auf die geringfügige Einschränkung, dass ich ans andere Ende der Stadt ins Immigration Office muss, um meine Aufenthaltsgenehmigung verlängern zu lassen.


...who are you today?

 

Nach dieser Aktion hätte auch ein Blick in noch so einen freundlichen Spiegel nicht mehr als Antwort gereicht. Aber: ich bin in Tokio! Bergfest!!!

An dieser Stelle möchte ich mich zwischendurch einmal bei all denen bedanken, die sich in mein Gästebuch eingetragen haben und mir dadurch eine Menge Motivation und Kraft gespendet haben. Es treibt mich wirklich voran, in einem Internetcafe, so ich denn eines finde, immer wieder diese netten Kommentare zu lesen. Vielen Dank dafür!!!
Einige, jeder weiß jetzt, wer gemeint ist, vermisse ich!

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Elfte Etappe: von Tokyo nach Yaizu

Die Immigration Office Angelegenheit kostet mich einen ganzen Tag, und so bleibe ich Tokyo noch einen weiteren erhalten. Obwohl, so richtig gefallen wir uns ja nicht.

Die letzte Nacht verbringe ich ausgesprochen schlecht. All die Bilder, Reize und Eindrücke überwältigen mich auch im Schlaf.

Alles flimmert mir noch vor den Augen und im halbstündigen Rhythmus schrecke ich aus dem Schlaf hoch.

Immerhin nutze ich die verbleibende Zeit für "Verwaltungsaufgaben", Sachen zur Post bringen, Fotos auf CDs kopieren und, man wird liebevoll an mich denken, Postkarten nach Hause schicken.

Abschied von Tokyo

Kazuha begleitet mich noch zur Subway und dann verlasse ich Tokyo in Richtung Fujisawa. Meine einzige große Aufgabe hier und für heute, ein ruhiges Plätzchen finden und den Rest des Tages vertrödeln und entspannen. Und da ich ein Glückskind bin gelingt es mir auch. Sitting at the dock of the bay, wasting time...

Immer wieder zieht es mich in die Häfen

Ich bin wieder auf dem Weg und mein einziger Wunsch, laufen, laufen, laufen….
Das ist aber leichter gesagt als getan, wenn man am nächsten Morgen nach 300 Metern auf das erste Café stößt. Und da ich gelernt habe so etwas nicht leichtfertig auszulassen, kehre ich ein.
Eine alte Frau spricht mich an und gibt mir ein Flugblatt, aber leider kann ich weder sie verstehen, noch das Blatt lesen. Aber ich verstehe soviel, dass sie mir irgendeine Art außergewöhnlicher Kräfte offeriert. Ihr einziges englisches Wort, "Power", als sie mir ihre Hand auf den Rücken legt.
Warum weiß eigentlich jeder, dass ich Rückenprobleme habe? Sie hätte die Hand ja auch auf meinen Kopf legen können. Im Moment geht es mir aber gut und ich benötige ihre Dienste nicht. Im Gegenzug biete ich aber an ihre Tasche mit den Blättern zu tragen. Aber auch sie will meine Dienste nicht und so trennen wir uns einvernehmlich.

Am nächsten Tag erfahre ich wie nah Glück und Elend beieinander liegen. Es ist wieder ein richtiger Sonnen Marschtag und kaum eine Möglichkeit auszuruhen. An einem Lawson scheine ich dann mein Paradies gefunden zu haben. Seit dem ich hier bin, steht er zum ersten Mal auf der richtigen Straßenseite, d.h. im Schatten und zu allem Überfluss mit einer Bank davor, Wahnsinn! Das Glück ist aber nicht von Dauer. Kaum habe ich mich mit meinem Mittagessen häuslich eingerichtet, als ein Kleinlaster rückwärts vor mir einparkt und ich direkt in das Auspuffrohr starre. Und so sitze ich dann in einer Abgaswolke. Guten Appetit. Also weiter, dann eben die Wurst kalt an einer anderen Stelle essen. Die Autos mit laufendem Motor stehen zu lassen, ist hier sehr verbreitet.

Besser als jede Art von Fastfood

Am nächsten Tag erwischt es mich wieder, ich weiß nicht woran es liegt. Nach 2 tollen Tagen falle ich wieder in ein mentales Loch. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich will aufhören. Ich bin leer und erschöpft, ich will nach Hause. Es ist so schlimm dieses Mal, ich rufe zu Hause an. Natürlich wird mir die Entscheidung überlassen, zu tun, was ich will, mit der Einschränkung, nimm dir Zeit für die Entscheidung. Na, so ist das also. Wenn ich erst ein paar Tage nachdenken soll, dann kann ich ja gleich hier bleiben. Also, noch ist der Trotz stärker als der Weichgespülte, der aufgegeben und nach Hause will. Ich glaube, es liegt manchmal daran, so mein Gefühl, dass, je länger ich hier bin, desto mehr fühle ich mich ausgegrenzt. Ein Gefühl, dass ich manchmal über Tage nicht los werde. Aber was hilft's? Will ich ans Ziel, muss ich weiterlaufen.
Als ich mich in Atami in der Marina herumdrücke, spricht mich plötzlich ein Japaner in hervorragendem Deutsch an und bietet an, ein Foto von mir zu machen. Um das Foto dreht es sich für mich gar nicht in erster Linie, aber ein paar Sätze Auge in Auge mit jemandem Deutsch zu reden, das tut schon gut. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass es schon komisch ist, dass ich meine komplette Konversation, auch mit mir selbst und im Denken, auf Englisch umgeschaltet habe. Wenn ich Englisch denke, oder im Kopf rechne zum Beispiel, muss ich mir manchmal ganz explizit sagen: mach das mal in Deutsch, das geht leichter.
Trotzdem fall ich binnen kürzester Zeit wieder zurück im Englischen.
Eine lustige Begebenheit in diesem Zusammenhang: die Rezeptionistinnen in Namazu sind sehr hilfreich auf der Suche nach einem Hotel in Fuji, finden eins, erfahren dann aber, dass es ausgebucht ist. Ich sage, dass es ja nicht so schlimm sei und bitte um "another one". Sie suchen jetzt überdurchschnittlich lange und informieren mich dann etwas zerknirscht, dass ich mich getäuscht haben müsse, in Fuji gäbe es kein Hotel "Another One". Ich möge den Namen doch bitte noch einmal aufschreiben. Tja, was macht man in so einer Situation? Ich stelle mich großzügig und lass mir ein anderes empfehlen. In 5 Minuten ist meine Buchung erledigt.
Fuji erreiche ich bei leichtem Nieselregen und Nebel und meine erste Frage an der Rezeption, wo "er" denn nun sei, quittiert man mit einem Achselzucken und einem Fingerzeig in Richtung Nebelwand. Schade.


Nur einige kurze Blicke auf den Fuji-San sind mir gegönnt

 

Am Morgen wache ich dann um 6:15 Uhr auf und da ich mit offenen Gardinen schlafe kann ich plötzlich den Fuji-san sehen. Imposant und herrlich, verlockend und einfach schön. Ein bisschen im Nebel liegt er noch und eine dicke Wolke sitzt auf seinem Gipfel. Aber ich bin schon froh und dankbar, dass ich ihn überhaupt sehe. Um 7:00 Uhr klingelt dann mein Wecker und das Schauspiel ist wieder vorbei, alles im Nebel verborgen. Aber, den Seinen gibt's der Herr ja bekanntlich im Schlaf. Als ich nach dem Frühstück losmarschiere ist tolles Frühlingswetter und der Fuji-san strahlt mich zum Abschied gegen einen schönen blauen Himmel an. Es ist einfach atemberaubend, schwer zu beschreiben. Dieses Jahr werde ich leider nicht auf den Gipfel können, einige raten mir um diese späte Jahreszeit sehr davon ab. Ich kenne die Verhältnisse nicht, also halte ich mich daran.


Und jetzt wieder ein Wort in eigener Sache. Ich erfahre ja eine große Menge an Rückmeldung aus dem Leserkreis. Darunter natürlich auch kritische Stimmen hinsichtlich der Regelmäßigkeit meiner Etappenbeschreibungen: ich schaffe es einfach an vielen Abenden vor Müdigkeit nicht, auch noch zu schreiben. Also auch hier bitte etwas Geduld.

Der nur kurze Umfang der Etappenbeschreibungen: hier gilt natürlich das Gleiche, einfach zuviel an den meisten Tagen.

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Zwölfte Etappe: von Yaizu nach Toba

In den nächsten Tagen, auf meinem weiteren Weg, die Schönheit und Größe des Fuji-San habe ich noch im Kopf, werde ich sehr häufig gefragt, ob ich ihn bestiegen hätte. Das irritiert mich wegen der vorangegangenen kritischen Stimmen ein wenig - und dann lerne ich, dass viele hundert Japaner ihn zum Jahreswechsel (!) besteigen, um das neue Jahr von seinem Gipfel aus zu begrüßen. Na ja, offenbar bin ich in meiner Entscheidung ihn dieses Jahr nicht mehr zu besteigen den etwas zu kritischen Stimmen unterlegen. Aber anstatt den Kopf hängen zu lassen, nicht selbst entschieden zu haben, reift natürlich ein neuer Plan, zurück zu kommen und dieses wohl einmalige Erlebnis nachzuholen.
Nach wie vor herrschen hochsommerliche Temperaturen und langsam wird deutlich, dass meine Kräfte jetzt nach mehr als der Hälfte des Weges doch deutlich nachlassen. Beim Laufen habe ich neuerdings das Gefühl, überhaupt nicht mehr voran zu kommen. Das ist ein lähmendes Gefühl, aber es ist nur ein Gefühl. Wenn ich nämlich am Abend meinen Tagesschnitt anschaue, habe ich die gleiche Strecke erreicht wie auch schon in der Vergangenheit. Hoffentlich zeichnet sich nicht schon wieder ein Kampf "Kopf gegen Beine" ab.
Besonders hilfreich, um wieder mein Gleichgewicht herzustellen, ist das schrecklichste Erlebnis, das ich auf meiner bisherigen Reise in Shimada erlebe, nicht. In einem Restaurant, in dem ich zu Mittag esse, sitzt eine verhältnismäßig junge Amerikanerin, ihre Herkunft und Tätigkeit, sie ist Englischlehrerin, ergibt sich aus dem Gespräch und unterhält sich in tollem Japanisch mit dem Wirt. Beide rätseln woher ich wohl käme, ansprechen tut mich aber (natürlich?) niemand. Als ich dann nach dem Zahlen gehe sieht sie meine Flaggen am Rucksack und klärt den Wirt über meine Herkunft auf. Ich käme aus Deutschland. Und wie selbstverständlich hängt sie an ihre so grenzenlos weise Erkenntnis an: Nazi.
Ich fühle mich ja in aller Regel als relativ selbstbewusst und auch mit schwankenden Stimmungslagen komme ich ziemlich gut zurecht und so gelingt es mir auch hier, unter Aufbietung einer gewissen Disziplin, den spontanen Kotzreiz der mich befällt zu unterdrücken.
Ich drehe noch einmal um und kläre sie auf Japanisch auf: Ja, ich bin aus Deutschland!
Ihr dümmliches Gesicht bekomme ich den Rest des Tages leider nicht mehr aus dem Kopf.
Langfristig aber werde ich mich an die auf dieser Etappe folgenden Begegnungen erinnern. Auf der Suche nach meinem Hotel komme ich an einem Fotoladen vorbei und ich nutze die Gunst der Stunde, meine Kamera mal wieder auf CD zu entleeren. Da das in der Regel 2 - 3 Stunden dauert, delegiert der Fotograf die Aufgabe an einen Angestellten und bietet an, in der Zwischenzeit mit mir einen Stadtrundgang und eine Sightseeing Tour zu machen. Sachkundig und von Seiten meines Stadtführers sehr geduldig lerne ich viel über Japans Geschichte. Nachdem wir uns trennen habe ich das Gefühl, es waren zwei bereichernde Stunden für uns beide.
Und auch im weiteren Verlauf scheint diese wieder eine Etappe der netten Begegnungen zu werden. Da mein Hotel in Tahara ein wenig abseits des Weges liegt und ich in der Rezeption nach einer Beschreibung zurück zu meiner Route frage, lässt es sich der Herr an der Rezeption nicht nehmen und fährt mich direkt mit seinem Auto zu dem Punkt, an dem es für mich weiter geht.
Die Hilfsbereitschaft meiner japanischen Gastgeber ist immer wieder und fast jeden Tag der beherrschende Aspekt meiner ganzen Reise.

Spontan werde ich auf einem Straßenfest / Kunsthandwerkermarkt von jungen Leuten zum Kaffee eingeladen

Und dann auf dem Weg nach Iragomisaki habe ich erstmalig eine Begegnung absolut neuester Art für mich. Sie stellt alle meine bisherigen diesbezüglichen Erfahrungen und vielleicht auch Beschwerden in Frage.
Ich kenne es bislang ja auch nicht anders als in Restaurants oder Cafés, egal wie voll sie sind, allein an meinem Tisch zu sitzen. Hier in Iragomisaki gehe ich in ein Restaurant zum Mittagessen und da es ziemlich früh ist, habe ich das ganze Restaurant für mich allein. Nachdem ich dann mein Essen bekommen habe, kommt ein Japaner als zweiter Gast ins Restaurant, schaut sich um, kommt zu mir und fragt, ob er sich zum Essen mit an meinen Tisch setzen dürfe! Ich glaube es anfangs nicht, denke ihn falsch verstanden zu haben und aus meinem ungläubigen Blick und seiner offenen Art entwickelt sich ein wunderbares gemeinsames und kommunikatives Mittagessen. Eine neue und wieder eine schöne Erfahrung.

Das lustigste Erlebnis dieser Etappe habe ich dann am nächsten Tag auf meinem Weg nach Toba. In meinem Hotel ist es leider nicht möglich zu frühstücken und so starte ich mit knurrendem Magen aber viel Glück, denn nach einigen Kilometern stoße ich auf ein Restaurant und bestelle mir ein Frühstück und einen Kaffee. Am Ende möchte ich eine zweite Tasse und bitte die Kellnerin darum. Sie zeigt auf die Frühstückskarte mit dem Hinweis, der Kaffee wäre gratis. Das freut mich umso mehr und ich bestelle meine zweite Tasse. Da ahne ich noch nicht, dass ich wieder "Opfer" unüberwindbarer bürokratischer Hürden werde. Oft habe ich das ja schon erlebt, dass es außerhalb gängiger Strukturen kaum möglich ist, manche Dinge flexibler umzusetzen. Ich weiß nicht, ob es wirklich nicht geht, oder ob es an meinem sprachlichen Defizit liegt. Aber sei es drum, nach einigen Minuten kommt mein zweiter Kaffee - auf dem Tablett, gemeinsam mit meinem zweiten Frühstück.
Nochmals wird mir erklärt, getrennt vom Frühstück sei es leider nicht möglich.
Na gut, besser zwei als keines und so mache ich mich im Anschluss richtig gestärkt wieder auf den Weg, neugierig, was die nächste Etappe an neuen Erkenntnissen und Begegnungen bringen wird.

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13. Etappe: von Toba nach Wakayama

Auf meinen morgigen Weg nach Ise freue ich mich schon.
Endlich: ich werde Oga und Kazuha dort wieder treffen.

Die Wahl der Nebenstraße allerdings, auf meiner Karte eine in grün eingezeichnete und damit ohne Kilometerangabe, outet mich wieder als, na ja, sagen wir mal, leicht mangelhaften Streckenstrategen. Zwischen Daumen und Zeigefinger ausgezirkelt schien sie kaum länger als die rote Route, in Wirklichkeit aber muss sie fünf Mal so lang sein. Ich komme einfach nicht voran. Aber was hilft es, ärgern kann ich mich nur über mich selbst, Augen zu, Powerwalking und hoffen, dass ich noch rechtzeitig zu unserem Treffpunkt in Ise komme. Unterwegs spricht mich ein Japaner auf Fahrrad, auf seinem Weg zur Arbeit, an. Er erzählt mir von seinem Solotrip auf Rad durch China und von seinen Erlebnissen und Abenteuern. Oh man, er ist drahtig, euphorisch und voller Energie und als er weiterfährt, er ist älter als ich, fühle ich mich als verlassener schlaffer Mehlsack vor einer noch unendlich langen Tagesetappe. Trotzdem, um den Preis höllischen Schwitzens und müder Beine, komme ich pünktlich zu unserem Treffpunkt.
Was für eine Wiedersehensfreude. 

Der nächste Tag ist dann ganz nach meinem Geschmack. Oga und Kazuha haben einen Plan im Gepäck, wie sie mir mit einer Sightseeing Tour den Tag versüßen. Und Ise mit dem Ise Jingu, einem der bedeutendsten Schreine in Japan, eignet sich hervorragend. Wieder einmal kann ich es genießen viel zu sehen und zu lernen und ich brauche nichts zu machen. Augen auf und Ohren auf und einfach nur hinterherlaufen. Klasse. Danke den Beiden.

Am Ise Jingu, dem bedeutensden Shinto-Schrein in Japan

Ein wunderschöner Tag, der seinen krönenden Abschluss in Matsusaka findet, wo ich zum weltberühmten Matsusaka Beef Essen eingeladen werde.
Total lecker (Und offenbar richtig teuer, denn als ich es später erzähle, hält man mich für einen reichen Mann) und eine aufregende neue Erfahrung, so in einem Restaurant umsorgt zu werden. Ich lerne, dass das Restaurant über eine eigene Viehzucht mit 3000 Rindern verfügt und das diese Tiere, um die Fleischqualität auf das höchste denkbare Maß zu bringen, zusätzlich zum Futter Bier und Massagen bekommen.
Ich bekomme im allgemeinen nur Bier. Aber dafür lebe ich auch länger.

Am nächsten Tag gerate ich dann fast unfreiwillig in ein Samurai Festival. Der Chef des Hauses in dem ich übernachte schenkt mir für den Weg heute ein Esspaket und entschließt kurzer Hand kraft Amtes, mich ins Stadtzentrum zu fahren, um das Festival anschauen zu können.
Bis zum Mittag halte ich das aus, aber dann wird es mir zu laut und zu bunt und ich versuche meinen Weg raus aus diesem Trubel zu finden. Am Nachmittag dann endlich wieder auf der Walz.

Morgens bevor das Festival richtig begonnen hat

Als ich in Nabari ankomme und mich hilflos umblickend nach irgendeinem Indiz für ein nahes Hotel suche, spricht mich eine sehr agil wirkende Frau in meinem Alter an. Ich merke, dass sie es gewohnt ist nur in "Ja" sagende Gesichter zu schauen, später gibt sie sich tatsächlich als Lehrerin zu erkennen und genau in diesem Tonfall wird mir eine Sightseeing Tour empfohlen. Ich habe keine Chance nein zu sagen, also zum wiederholten Male auf Tour, obwohl ich heute lieber den Rest des Tages träumend in einem Hotel verbringen möchte.
Unsere Sightseeing Tour ist dennoch ganz nett. Ich lerne viel über den regionalen Kohlanbau hier, eine Destillerie hat Tag der offenen Tür und nachdem ich nun weiß wie Sake entsteht, geht es abschließend auf einen Kunsthandwerkermarkt. Das ist eine Quälerei für mich. Kunst empfinde ich als ein Himmelsgeschenk, Handwerk als etwas fantastisches, aber Kunsthandwerk? Na ja, vielleicht belehrt mich jemand eines Besseren.
Später auf meiner Etappe in Kashihara verbringe ich den ganzen Tag mit dem Besuch des Kashihara Jingu und zweier Mausoleen der Emperor Suizei und Jinmu. Auch hier, wie an so vielen vergangenen Orten voller Sehenswürdigkeiten, finde ich es schade, dass nirgends auch nur eine Bank zum Verweilen steht. Ich finde es schade und enttäuschend, ich würde gerne etwas verweilen, nachdenken, rückwärtsgewandt. Statt dessen animiert das weitläufige Areal eher dazu den Besuch als Pflichtprogramm zu empfinden und einfach nur in eine Richtung hindurch zu laufen. Schade.

Mit dem local train nach Wakayama

Für den letzten Abschnitt dieser Etappe nach Wakayama nehme ich den Zug. Zum einen bin ich zu lange in Kashihara geblieben und zum anderen passiert etwas in mir, dass es nicht gestattet länger als eine halbe Stunde außer Sichtweite einer Toilette zu sein.
Aber die Zugfahrt ist ganz hübsch. Mir gegenüber sitzen zwei erfrischend gackernde Hühner, zwei Schülerinnen, die unentwegt, pausenlos und laut lachend miteinander reden. Herrlich, dass es so etwas auch in Japan gibt. Ich verstehe zwar kein Wort, kann aber nicht umhin und muss mitlachen. Sie sind einfach ansteckend und witzig.
Wenn ich dann auf die Nachbarsitzreihe schaue, sehe ich sechs Menschen in Reihe, vornübergebeugt und schlafend. Sie nicken alle synchron zum Takt, den der Zug vorgibt.
Das sieht lustig aus und trotzdem irgendwie traurig.
Mein letzter Tag auf Honshu. Morgen nehme ich die Fähre, gespannt was mich auf Shikoku erwartet.

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14. Etappe: von Wakayama nach Kawanoe

Diese Etappe fällt irgendwie unter die Kategorie, na ja, moderat ausgedrückt, etwas holprig. Mein Hotelzimmer, das mit Abstand kleinste bis jetzt und klein bedeutet wirklich klein (!), stellt mich vor die Frage, wie so eine Konstruktion überhaupt möglich ist. Ich stelle mir vor, dass auf der Bauzeichnung die Strichstärke der Trennwände mehr Platz einnimmt als die Zwischenräume. Es gelingt mir zum Beispiel problemlos auf dem Bett sitzend das Bild an der gegenüber liegenden Wand gerade zu rücken. Entsprechend das "Badezimmer", auf einer Minimalfläche befinden sich Badewanne plus Dusche, Waschbecken und Toilette. Ein Kunststück.
Wie auch mein ehrgeiziger Versuch die Dusche am nächsten morgen zu benutzen. Aber außer einer, zum Glück unbeobachteten, Klamauknummer kommt nichts gescheites heraus. Ich stoße mir so oft den Kopf und die Arme beim Versuch mich einzuseifen, dass ich befürchte, Mitbewohner könnten meinen, ich trommle um Hilfe. Der Vorhang klebt so großflächig an mir, dass ich gar nicht nass werde. Atemübungen zur Beruhigung verhindern das Schlimmste und am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Verzicht manchmal eine weisere Entscheidung sein kann.
Im Anschluss an mein kurzes und missglücktes Bad mache ich mich früh auf den Weg, weil ich mit dem Bus zum Fähranleger fahren möchte und keine Ahnung habe wo sich dieser befindet. Solche Feinheiten gibt meine Karte einfach nicht her.
Drei verschiedene Herren, alle in Uniform und ziemlich offiziell aussehend, befrage ich nach Buslinie und Zielstation. Zweimal verstehe ich die gleiche Zahl was die Linie angeht und der dritte Herr zeichnet mir alles das noch zusätzlich auf ein Stückchen Papier.
Mit diesem kleinen Schatz in der Hand laufe ich dann die Reihen der Busse ab und halte ihn fragend den Fahrern hin. Nach einigen wenigen Versuchen dann ein eindeutiges Kopfnicken des Fahrers verbunden mit einer einladenden Geste. Soweit habe ich es geschafft.
Nach einer circa halbstündigen Fahrt geht dann erneut vom Fahrer ausgehend ein Kopfnicken, fortgesetzt über die anderen Mitfahrenden, bis es mich erreicht. Das eindeutige Zeichen für mich auszusteigen. Auch meine Ankunft habe ich nun erfolgreich gemeistert.
Fast 90 Minuten bin ich zu früh und so mache ich es mir mit einem Automatenkaffee in der Wartehalle für die Fähre bequem. Das aber stellt sich wiederum als nahezu unmöglich heraus. Sofort leide ich unter einer immensen Reizüberflutung, ich weiß einfach nicht wie Japaner das aushalten. Alle Wände vor mir, hinter und neben mir sind dicht an dicht mit laut tönenden und bunt flackernden Spielautomaten zugestellt. Jede einzelne Maschine versucht auditiv und visuell seinen Nachbarn zu übertönen und Kunden auf sich zu ziehen. Und über alle dem thront riesig und extra laut, er will ja schließlich auch verstanden werden, ein gigantischer Fernsehapparat. Alle Menschen um mich herum sind offenbar vollkommen entspannt und gucken Fernsehen oder lesen die Zeitung. Wie macht man das nur? Mir bleibt am Ende, genau genommen nach zehn Minuten, nichts als die Flucht.
Auf der Fähre dann die gleiche Überraschung wie seinerzeit auf der Fähre nach Honshu. Alles spielt sich auf dem Fußboden ab. Das ist schon ein ungewohntes Gefühl für mich, vergebens nach Tischen und Stühlen Ausschau zu halten. Also setze ich mich ebenfalls auf den Boden in eine Ecke, polstere Rücken, Hintern und Kopf mit Kissen, die in überall vorhandenen Fächern liegen und für solche Zwecke vorgesehen sind, und schippere Shikoku entgegen. Honshu, meine zweite Insel nach Hokkaido und die größte der japanischen Hauptinseln, liegt jetzt hinter mir.

Auch auf den Fähren spielt sich alles auf dem Fußboden ab

Meine Vorstellung von Shikoku, der kleinsten der vier Huaptinseln, war, dass sie auch die ruhigste sei. Hierin täusche ich mich wieder einmal gewaltig. Die gleiche Verkehrsdichte, der gleiche damit verbundene Lärm, genauso viele Menschen. Als Wanderer die gleiche Reizüberflutung wie schon seit nun mehr als drei Monaten.
Auffällig scheint mir, dass der Baustil der Häuser hier zum Teil ein anderer ist. Viel mehr, das ist mein Gefühl, ist hier ursprünglicher erhalten als auf Honshu und bei vielen Gebäuden, merkwürdig aber wahr, denke ich an die Bauart Pariser Le Corbusier Villen, mit dem Unterschied sehr aufwendiger, schwerer, reich verzierter und das ganze Haus dominierender Dächer.

Imposante Dächer sind immer wieder ein "Hingucker" für mich

Nervenaufreibende und angenehme Begegnungen liegen ja bekanntlich oft dicht beieinander. Viele angenehme und informative Begegnungen, wie übrigens die allermeisten auf der gesamten Reise, habe ich auf Shikoku mit verschiedenen Pilgern, die den in Japan berühmten und rund 1300 Kilometer langen Pilgerweg der 88 Tempel gehen. Eine wirklich sehr reizvolle Sache wie ich meine und wäre ich nach jetzt schon fast 2000 Kilometern zu Fuß nicht langsam am Ende meiner Kräfte, ich würde sehr intensiv darüber nachdenken.
Das versuche ich ein paar Tage später in einem Park in Tsurugi. Ein herrliches Fleckchen Erde, Stille, schattige Sitzbänke, der feste Vorsatz hier ein paar Stunden zu entspannen und, nach fünf Minuten, ein Sturzbetrunkener, der sich zu meinem selbsterklärten Fremdenführer macht. Unendlich unverständlich und mit absolut untypischer Distanzlosigkeit, Sake ist das Zauberwort, schwätzt er auf mich ein, entgleitet vollkommen, als er herausbekommt ich sei aus Deutschland, in seiner politischen Standortdefinition. Die deutschen Namen die er kennt und aufzählt entspringen einem Horrorkabinett jüngster Vergangenheit. Mir wird übel. Ich spreche ab jetzt nur noch deutsch mit ihm, laut, sehr laut, ununterbrochen...
Das ist zwar anstrengend und sicher nicht nett, zeitigt aber Erfolg und es wird ihm langweilig, er verlässt mich. Habe ich ihm den Tag verdorben? Was mich tröstet: Besser ich ihm, als er mir.

Jetzt schließen sich noch zwei wunderschöne Wandertage nach Kawanoe an, wo ich erneut einen Pausentag einlegen will, respektive einlegen muss. Ich spüre schon deutlich, dass mich allmählich die Kräfte verlassen.

Doch noch eine wohlverdiente Pause in einem schönen Park

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15. Etappe: von Kawanoe nach Yawatahama

In einer der nächsten Städte, den Namen erspare ich mir jetzt, durch die ich komme, fühle ich mich wie ein Außerirdischer auf einer Irrfahrt. So etwas habe ich auf meiner ganzen Wanderung noch nicht gesehen. Alles wurde mir bislang geboten, laut, bunt und schrill, still, grau und vergessen. Das gesamte fremdartige Spektrum. Liebenswerte Städte und industriell geprägte, alles lag auf meinem Weg. Und hier? Ich habe mich noch nie so verloren gefühlt, alles ist über die Maßen weiträumig, breite Straßen, planierte Flächen, Beton. Praktische und ausnahmslos neue Gebäude, praktisch und lebensleer. Alles ist ordentlich, sauber, neu, und ich schaue in die Weite und denke, wie von Menschen verlassen. Nichts wohin man möchte, keine Oasen, keine Inseln, nichts. Entmenscht und leer. Als ich in einem Imbiss sitze und an die Lebensqualität hier denke, an die Möglichkeiten, insbesondere junger Menschen und daran zweifle, dass man hier ein erfülltes Leben leben könnte, kommt ein junger Mann herein und beendet mein Denken. Auf seinem T-Shirt, schwarz, steht in großen Lettern: Resignation.

Eine Grabstätte an einem buddhistischen Tempel

Aber diese bleibt nicht die einzige Begegnung in den nächsten Tagen. Einige nette, kuriose, nachdenkliche, folgen noch. Zum Beispiel bei meinem Frühstück in Imabari. Dort sitzt ein einsamer und vollkommen vergrätzter Amerikaner, natürlich (!), allein an seinem Tisch. Ich bin so dankbar, dass er mich überhaupt sieht. Er begrüßt mich mit einem unterkühlten Nicken, schaut für den Rest unseres Frühstückes aber durch mich hindurch. Er kopiert die Gegebenheiten hier ziemlich schlecht, wäre es ihm gut gelungen, er hätte mich, Auge in Auge, gar nicht gesehen. Aber na ja, Übung macht halt den Meister.
Ich erzähle das nicht, weil es mich besonders geärgert hätte, aber es ist durchgängig und auffallend, dass Europäer und Amerikaner, denen ich hier begegnet bin, diese, wie ich finde, urjapanische Eigenschaft ziemlich hilflos kopieren. Es wirkt immer sehr aufgesetzt, abgeklärt, in keinem Fall authentisch, immer aber sehr komisch. Warum dieses Verhalten praktiziert wird, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Gesprochen hat nämlich ausnahmslos niemand dieser Zeitgenossen mit mir.
Doch! Ein Neuseeländer (Flagge an der Reisetasche) ließ mich, als ich ihn etwas fragen wollte einfach stehen mit einem knappen: "enjoy your trip".
Ganz anders eine Japanerin, die mich ohne jede Berührungsangst anspricht, als wir uns in einem Aufzug begegnen. Ein Jahr hat sie in London verbracht und spricht prima Englisch. Wir haben ein wenig Zeit, uns zu unterhalten und sie witzelt über all die kleinen und großen Dinge hier, unter denen ich oftmals so gelitten habe. Das ist ein nettes und amüsantes Gespräch und viele kleine Witze werden auf meine Kosten gemacht. Meinen Spaß habe ich dann, als ich sie danach frage, wie sie mit dem Essen in England zurecht gekommen ist. Einfach herrlich und unbeschreiblich, wie jemand das Gesicht verziehen kann.

Imbari Castle, der Nachbau der ehemaligen Samurai Festung

 

Bevor ich mich auf den Weg nach Matsuyama mache besichtige ich Imabari Castle, eine imposante und sehenswerte, wenn auch nachgebaute, Samurai Festung. Danach verlaufe ich mich wieder einmal und meine Stimmung sinkt schnell.
Trösten möchte ich mich mit einer Pizza - und verbrenne mir an dem mindestens 1000 Grad heißem Käse den Mund. Die Blase am Gaumen ist fast so groß, dass ich nur noch mit leicht geöffnetem Mund durch die Gegend laufen kann.
Und zu allem Überfluss kommt mir ein sehr alter Herr entgegen, schaut mich an und spukt klatschend vor mir auf die Straße. So richtig willkommen fühle ich mich dadurch nicht mehr. Aber ich denke besser so, als dass er meine Flagge am Rucksack gesehen hätte und beim letzten Arm-hochreißen das Zeitliche gesegnet hätte. So kann er weiter leben in der dummen Illusion, vor dem Richtigen sein Land gerächt zu haben. Ich spüre, es wird Zeit wieder zu laufen.
Und wieder und immer deutlicher jetzt, ich bin fertig, ich kann nicht mehr. Noch nicht einmal mein Inneres schafft es inzwischen mehr mich anzutreiben. Die mentale Stärke ist zu einem stumpfen Schwert geworden. Fünf Kilometer schaffe ich inzwischen nur noch an einem Stück und dann muss ich pausieren. Die Pausenzeiten nehmen inzwischen mehr Zeit in Anspruch als die Laufzeiten. Ich habe das Gefühl, die Reise neigt sich nun ihrem Ende zu.

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16. Etappe: von Yawatahama nach Kaimon

Mein letzter Tag auf Shikoku und mein erster auf Kyushu.

Ich freue mich ganz besonders, weil ich mit der Fähre in Usuki angekommen, nicht gleich weiter in Richtung Süden laufen werde, sondern mit dem Zug einen gut 150 Kilometer langen Abstecher nach Norden, nach Fukuoka, machen werde.
Schon lange freue ich mich darauf. Ich werde hier Herrn Hiroshi Hosogoe treffen. Er ist derjenige der Übersetzer, der die allermeisten meiner Etappen ins Japanische übersetzt hat. Diverse Mails haben wir uns während meiner Reise hin- und her geschrieben und er schreibt perfektes Deutsch. Nach 23 Jahren, die er in Deutschland gelebt hat, schreibt, und wie ich nach unserem ersten Telefonat erleben darf, spricht er Deutsch nahezu muttersprachlich und viel besser als viele Deutsche die ich kenne.
Als wir uns begegnen sind wir uns auf Anhieb sympathisch, fast wie alte Freunde, so sagt Hiroshi später, die sich einfach eine Zeit lang nicht gesehen haben. Deshalb hier nochmals vielen Dank für die ganze Arbeit der Übersetzungen, für unsere Treffen und für all das, was ich über japanische Eigenarten von ihm lerne und all das verbunden mit dem Wunsch, es möge lange so bleiben.
Und das Schöne an alledem, was Hiroshi mir erzählt, er trägt es vor in herrlichem, fast heimatlichem, breiten und langsamen Hamburgisch.

Später in Nobeoka erwischt es mich. Eine gute Woche habe ich noch, dann bin ich am Ziel. Ich erleichtere mich, bringe jetzt schon Sachen zur Post, schicke alles zurück was ich nicht mehr brauchen werde. Und in einem Café, draußen regnet es Bindfäden, denke ich an die Rückreise und muss plötzlich heulen.
Schrecklich schön ist das Gefühl, denn ich glaube von jeder Reise nimmt man etwas mit zurück nach Haus und man lässt etwas von sich selbst dort. Und ich glaube, das ist gut so. Mit der Heulerei, zum Glück sieht man mich ja nicht in dem vollen Café, und zudem, ich tue so, als hätte ich etwas im Auge, Mann sein.

Und auch die nächsten Tage, ich bin einfach zu kaputt, um noch erleben zu können. Es wird wirklich Zeit anzukommen. Ich sehe auch inzwischen nichts mehr von dem was um mich herum passiert, nachdem Körper und Seele das Ende beschlossen haben. Meine Fotos werden krampfhaft und lustlos. Alles fühlt sich abgeschlossen an und auch der Körper (natürlich) meldet sich wieder. Neuerdings plagen mich heftige Entlastungsschmerzen in den Leisten.

Meine letzte Sightseeing Tour unternehme ich in Kagoshima von wo ich auch meinen Rückflug in den nächsten Tagen zurück nach Hause buche.
Am nächsten Morgen frühstücke ich bei Mr. Donut - und - bekomme endlich meine heißersehnte Mr. Donut Pass Card. Wozu sie mich berechtigt weiß ich nicht und die ausführlichen Erklärungen verstehe ich auch nicht. Aber immerhin habe ich jetzt das Gefühl, ab sofort dem Mr. Donut Zirkel anzugehören.

Mit einem Local Train fahre ich nach Kaimon im äußersten Süden Kyushus und möchte auf diesem Berg Abschied nehmen. Diese letzten 30 Kilometer schaffe ich nicht mehr zu laufen. Der Berg hüllt sich bei leichtem Nieselregen in Nebel und so kann ich mein ursprüngliches Ziel, Sata Misaki, circa 25 Kilometer Luftlinie von hier im Südosten nur ahnen.
Um dort hinzugelangen müsste ich noch knappe 100 Kilometer um die Kagoshima Bucht herum laufen und ohne längere Pause ist das inzwischen unmöglich für mich geworden.

Der Mount Kaimon, wo ich meine Reise beende, hüllt sich in Nebel
Der Bahnhof von Kaimon und...
... die Ortstafel am Ende meiner Reise

 

Die 15 Minuten, die ich an der Haltestelle in Kaimon auf meinen Zug warte, sind die einsamsten der vergangenen Monate.

Aus einer Bauchentscheidung im Frühjahr ist diese Reise entstanden und nun ist sie zuende.

Viele gratulieren mir, fragen, ob ich so etwas wieder tun würde.
Nein, sicher nicht, nicht allein und nicht zu Fuß, zu oft habe ich meine physischen und psychischen Grenzen zu weit überschritten. Zu oft war ich der Verzweiflung nah.

Es folgen ein paar erholsame Tage und dann sitze ich im Flugzeug zurück nach Deutschland.
Wochen brauche ich noch, um mit der ganzen Überfülle des Erlebten und der Eindrücke, der neuen Erfahrungen, zurecht zu kommen.

Bei einem folgenden Zeitungsinterview ich werde abschließend gefragt wohin es beim nächsten Mal gehen wird.
Aber das mag ich noch nicht verraten, das ist noch zu früh.

Nur so viel vielleicht....
....es wird allein und zu Fuß sein!

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