Unser Reisetagebuch auf dem Olavsweg


Text und Fotos von Anke Wendorf und Lothar Detert

 

Mit einem Kalender fängt es an

"2010 Duftkalender - Auf dem Olavsweg in Norwegen. Die Wiederentdeckung einer 1000 Jahre alten Pilgerroute. 643 km Landschaften von Oslo bis zum Trondheimfjord. Mit allen Sinnen genießen..." war auf dem Deckblatt des Kalenders zu lesen.

Mit der flachen Hand über den Kalender gestrichen, strömte mir herber Kräuterdurft entgegen. Natur pur, schoss es mir durch den Kopf, grandiose Landschaften, Stille und Einsamkeit - abschalten und seinen Gedanken nachhängen, ja das ist für mich Norwegen. Eine kleine Begleitbroschüre klärte mich für das Erste über den Verlauf der Pilgerroute, einige Pilgerherbergen, das Pilgern im Allgemeinen und den geschichtlichen Hintergrund dieses, bis dahin, für mich unbekannten Pilgerweges auf.

Meine Neugierde war geweckt. Ich recherchierte verfügbare Informationen zum Olavsweg im Internet, kramte einen alten Norwegen-Reiseführer hervor, stöberte in Buchhandlungen und befragte Freunde, um an mehr Informationen über diese alte Pilgerroute zu gelangen. Die Auskünfte waren eher rar gesät.

Pilgern? In Norwegen?? Olavsweg??? Nie gehört!!!

Das spornte mich an, die anfängliche Neugier schlug in Begeisterung um, je mehr ich an Informationen über den Olavsweg in Erfahrung brachte.

Ich werde diesen Weg gehen!

Allein?

Ich "infiziere" meinen Partner, der gerade von einer mehrmonatigen Reise durch Vietnam zurückgekehrt ist - welch ein Kontrast.

Und dann galt es noch die letzte Hürde zu nehmen: "...bekomme ich fünf Wochen Urlaub am Stück?"

Im Gegensatz zu Lothar, der einen Teil seines Geldes mit dem Unterwegs - sein verdient und daher viel freier mit seiner Zeit umgehen kann und muss, indem er weltweit individuelle Fotoreisen für Einzelpersonen und kleine Gruppen veranstaltet und sich reisejournalistisch verdingt, arbeite ich in einem Angestelltenverhältnis.

Die obligatorische Frage nach meinen Urlaubsplänen für dieses Jahr musste also kommen. Und es kommt ein günstiger Moment! Mein Chef träumte gerade selbst von fernen Ländern, seinen Reisen, die er noch unternehmen möchte, und dabei verharrte sein Blick auf dem Duftkalender, der seit Jahresbeginn in der Firma an der Wand hängt.

"Ich möchte pilgern, dieses Jahr im Sommer, in Norwegen auf dem Olavsweg von Oslo nach Trondheim..." Ich schaue zum Kalender.

"Ja, Norwegen ist ein schönes Land, bin selbst schon einige Male dort gewesen. Aber sind das nicht so ungefähr 500 Kilometer? Und ganz zu Fuß? Dafür brauchen sie doch sicher eine ganze Weile, bei der Topografie..."

"Es sind genau 643 Kilometer und dafür bräuchte ich fünf Wochen Urlaub am Stück." Jetzt war es heraus. Wir sind ein kleiner Betrieb, in dem jeder zählt, und ich weiß es noch heute zu schätzen, dass ich nach einer kurzen Bedenkzeit meinen Urlaub wie gewünscht eintragen durfte. Deshalb hier ein riesiges "Danke schön!"

 

Der Weg von Oslo nach Trondheim auf der Rückseite unseres Pilgerpasses

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11. August 2010

Morgens 5.00 Uhr früh in Husum.

Zwei nur mit dem nötigsten gepackte Rucksäcke warten auf ihre Träger.

Zwei müde Träger streifen sich noch etwas unbeholfen ihre, zumindest für die nächsten fünf Wochen, einzige Habe auf den Rücken und bewegen sich mit ungewohnter Gangart, ob der schweren Last auf ihrem Rücken, zu Fuß zum Bahnhof.

Ein Gefühl von Freiheit keimt in mir auf.

Zwei Stunden Bahnfahrt nach Hamburg und ungefähr zwei Flugstunden von Hamburg nach Oslo Gardermoen liegen vor uns.

Zeit zum Abschalten, den eigenen Gedanken nachhängen...

Schleswig-Holsteins flache und weite Landschaft zieht am Fenster der Nord-Ostsee-Bahn vorüber. Die Westküste platt wie eine Flunder, nur Strommasten, Windmühlen und vereinzelt vom Wind bizarr geformte Bäume ragen in die Höhe.

Was wird uns in Norwegen erwarten?

Wir werden in der Fremde sein, wir sind Fremde.

Wir wollen pilgern, einen fast 1000 Jahre alten Pilgerweg für uns ergehen. Wir gehen nicht aus religiösen Gründen, wir sind nicht auf der Suche nach Gott. Wir wollen in Erfahrung bringen, was so eine Reise, was der Weg mit uns macht.

Die Pilgerroute verläuft nahezu entlang der heutigen E6, der Verbindungsstrecke von Oslo zu den Lofoten und zum Nordkapp. Es war schon früher der Weg des Volkes, der Post, der Könige und der Pilger. Nidaros, das heutige Trondheim, war im Mittelalter ein bedeutsames Pilgerziel. Pilger aus ganz Europa pilgerten zum Wallfahrtsort, dem Dom zu Nidaros, um Buße zu tun, um Heilung zu erfahren, denn der Dom wurde auf dem Grab des heiligen Olav errichtet.

OlavII Haraldsson, geb. 995, stammte aus dem norwegischen Königsgeschlecht des Harald Harfarge (Harald Silberhaar) und kämpfte für die Christianisierung und die Monarchie im Lande der heidnischen Wikinger. Er fiel 1030 in der Schlacht von Stiklestad. Wunder geschahen an seinem Grab, das Volk verehrte ihn, die Kirche sprach ihn am 03. August 1031 heilig. Ein wahrer Pilgerstrom setzte ein.

Im Zuge der Reformation war dann  das Pilgern zwischen 1537 und 1953 unter Androhung von Strafe im protestantischen Norwegen verboten.

Seit 1997 werden die alten Pilgerrouten nun wieder von vielen engagierten Menschen aufgearbeitet, beschildert und wieder ins Leben gerufen. Für uns beginnt der Olavsweg an den Ruinen der Marienkirche im alten Osloer Stadtteil Gamlebyen, führt zum 60 Kilometer nördlich gelegenen Mjösasee, nach Eidsvoll, weiter dem See entlang durch Hamar nach Lillehammer. Am Nordende des Sees beginnt das romantische Gudbrandstal und der Weg steigt gemächlich bergan, folgt dem Lauf des Flusses Lagen über Ringebu, Vinstra nach Otta. Er durchquert die weiten Hochebenen des Dovre Fjells, führt über Oppdal entlang der Orkla und zu guter Letzt durch ausgedehnte Moore und schließlich zum Ziel, dem Dom von Nidaros in Trondheim.

Der Weg soll gut markiert sein, trotzdem tragen wir in lose Blattform aus dem Internet ausgedruckte Landkarten, in denen der Weg und einfache Pilgerherbergen eingezeichnet sind, mit in unserem Gepäck.

Hamburg-Altona, zurück in die Gegenwart...

...sich mit den Rucksäcken in die überfüllte S-Bahn quetschen, in starr vor sich hinschauende, sehr oft gelangweilte Gesichter blicken, Tür auf, Tür zu, Anfahren, Anhalten, bei jedem Stopp erneuert sich das Innenleben unseres Wagens -  Hektik, Anonymität, Schnelligkeit und Automatismus...

Unser Flugzeug bringt uns in nur wenigen Flugstunden in das von Hamburg circa 700 Kilometer entfernte Oslo und ich habe das Gefühl, wir kommen so gar nicht voran. Der Flughafen Oslo-Gardermoen liegt fast direkt an unserer Pilgerroute, aber wir wollen ja im alten Oslo bei den Ruinen der Marienkirche im Middelalderparken starten.

Wir buchen unsere ersten zwei Übernachtungen im Hotel Olavsgaard, es liegt zwischen dem Flughafen Gardermoen und Oslo, direkt an unserer Strecke.

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12. August 2010

Am nächsten Morgen schnüren wir unsere Wanderstiefel. Der Himmel ist bedeckt und es nieselt. Ausgerüstet mit Kamera und Regenjacke nehmen wir ein letztes Mal, zumindest für die nächsten Wochen, ein motorisiertes Verkehrsmittel, den Bus, um uns in das Zentrum von Oslo bringen zu lassen.

Im Pilgerbüro in der Kirkegata lassen wir uns von Eivind Luthen, einer jener sehr engagierten Menschen, die den Pilgerweg wiederbeleben, unseren Pilgerpass aushändigen und mit dem ersten Stempel versehen. Der Pass dokumentiert den Verlauf unserer Reise und weist uns in den Herbergen als Pilger aus.

 

Eivind Luthen. Einer der guten Geister des Pilgerweges von dem wir jede gewünschte Info und viel Unterstützung erfahren

Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass Eivind Luthen den Olavsweg mit einer ihm anvertrauten Gruppe von Sträflingen gepilgert ist. Dabei wurde der Pfad von ihm und seiner Gruppe mit dem typischen Pilgerlogo markiert.

Er erkundigt sich bei uns, ob wir auch den Camino de Santiago gepilgert seien - Lothar kann bejahen, ich muss verneinen. Der Olavsweg ist seiner Ansicht nach der Schwierigere - die Topografie, das Wetter, die Abgeschiedenheit...

Er verabschiedet sich mit den Worten, wir mögen vorsichtig sein, heil, gesund und ohne Unfall Trondheim erreichen.

Der Himmel ist aufgerissen und die Sonne brennt jetzt förmlich auf uns nieder, uns ist warm in unseren dicken Wanderstiefeln in der Stadt.

Wir machen uns zuerst auf den Weg durch das Zentrum zum Mittelalter Park, entlang der modernen Gebäude, der neuen Oper, entlang den großen Baustellen, Norwegen boomt. Wir queren stark befahrene Straßen über Fußgängerbrücken, Autolärm- und Abgase, Lärm von Presslufthämmern belästigen uns. Ist das auch schon pilgern?

 

...entlang der neuen Oper

und vorbei an vielen Baustellen im boomenden Oslo...

Wir erreichen die Ruinen der Marienkirche und der erste Meilenstein aus Granit steht vor uns mit der Inschrift "643 km til Nidaros". Sechshundertdreiundvierzig Kilometer - ab jetzt zu Fuß. Wir sind auf dem Weg!!!

 

Die Ruinen der Marienkirche im alten Oslo...

...und unser erster Meilenstein auf dem langen Weg

Wir folgen nun den verschiedensten Wegmarkierungen quer durch Oslo, wir spazieren durch Wohngebiete verschiedenster Art, typisch norwegisch und nebenan solche mit überdurchschnittlich hohem Ausländeranteil, suchen unseren Weg über Brachland, schreiten über Friedhöfe, kommen direkt am Domizil der norwegischen Hells Angels vorbei, durchqueren Industriegebiete und wiederum Wohngebiete am Rande der Stadt,

 

Eine der vielen Wegmarkierungen in Oslo

bis uns dann ein steiniger Weg bergauf durch ein kleines Wäldchen führt.

 

Aufmerksamkeit ist auch in Oslo geboten...

"Gleich müssen wir doch unsere Unterkunft erreichen, oder was meinst Du?" Wir haben die Wegmarkierungen gut gefunden, haben uns nicht verlaufen, dennoch wissen wir nicht genau wo wir uns gerade befinden

 

...wie hier zum Beispiel

Es sind noch einige Kilometer bis zu unserem Hotel. Es ist am frühen Abend, immer noch warm, schwül warm, wir sind vollkommen durchgeschwitzt, obwohl wir heute noch ohne die schweren Rucksäcke unsere erste Etappe gegangen sind! Hunger und Durst melden sich - wir mögen jetzt einfach nicht mehr.

"Jetzt schon?"

"Dahinten ein Supermarkt, komm, los, das ist unserer! Ja, etwas schnelles und kühles zum Trinken und etwas gegen den größten Hunger, direkt auf die Hand." Zwei Rosinenbrötchen werden sofort vertilgt, die anderen im Gehen auf dem weiteren Weg. Um einiges zufriedener, aber dennoch geschafft vom anstrengenden ersten Tag, erreichen wir unser Hotel. Der Schuhe und Strümpfe entledigen wir uns als Erstes. Sitzen, endlich sitzen! Das tut gut, etwas so einfaches. Wir ruhen aus, duschen uns und sehnen uns nach einem herzhaften Abendbrot. Ein Blick auf die für uns exorbitant hohen Essenspreise, lässt uns und unseren Hunger regelrecht zusammensinken. Ein paar belegte Brote und für jeden einen Snickers von der nahegelegenen Tankstelle muss für heute reichen. Wir überschlagen unsere Ausgaben für den heutigen Tag und nehmen uns fest vor, die erste Entscheidung als Pilger, in Zukunft weniger Geld für Verpflegung und Unterkünfte auszugeben.

Wir packen unsere Rucksäcke für den morgigen Tag, es soll früh losgehen. Müde fallen wir in unsere Betten und schlafen sofort ein.

 

Zukünftig werden wir nicht immer so feudal übernachten

Wir haben die ersten 25 Kilometer auf dem Olavsweg hinter uns gelassen!

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13. August 2010

Die Augen noch nicht ganz geöffnet, dafür aber die Ohren gespitzt. Die unter unserem Fenster vorbeifahrenden Autos hinterlassen ein wohlbekanntes, zischendes Geräusch. Ja, und jetzt gesellt sich auch noch ein stetiges Tropfen von Wasser aus irgendeiner Regenrinne hinzu. Es regnet - nein, es gießt in Strömen.

Wir lassen uns Zeit beim Frühstücken, schauen aus dem Fenster und suchen nach hellen Flecken am Himmel - Fehlanzeige. Wir bummeln bewusst, wir vergleichen uns mit zwei störrischen Mulis, die sich nicht von der Stelle bewegen wollen und müssen darüber lachen, dass wir uns selbst erwischen - zumnindest unsere Miene hellt sich auf. Wir kramen unsere Regensachen aus den Rucksäcken, alles andere haben wir sicher in Plastiktüten im Rucksack verstaut. Los geht es. Ein kleiner Stopp noch an "unserer" Tankstelle, wir versorgen uns dort mit Wasser und Obst, auch der bekannte Schokoriegel darf nicht fehlen, denn er soll heute für eine vermehrte Ausschüttung von Glückshormonen sorgen...

Die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, folgen wir den gelben Pfeilen auf dem Asphalt in Richtung Skedsmo Kirche. Wir schweigen bis uns Blitz und Donner zugleich aus unserem Gehrhythmus werfen. Mir wird etwas mulmig, zumal unsere Route gerade über ein freies Feld führt. Kein Unterstand in Sicht. Unter unseren Füßen quatscht der matschige Feldboden. Wir rücken näher zusammen und lenken uns mit Geschichtenerzählen ab. Wir stehen jetzt an einer Kreuzung und finden keine Wegmarkierungen. Auch das noch, wir haben uns verlaufen. Wir schauen auf unseren Kartenausdruck und sind uns nicht ganz sicher, wo genau wir uns befinden. Es nützt nichts, wir müssen jemanden fragen. Dort ein Geschäft für Gartenbedarf, wir treten ein. Lothar probiert seine etwas in Vergessenheit geratenen norwegischen Sprachkenntnisse aus und fragt nach dem Weg. Währenddessen breitet sich unter uns eine riesige Wasserlache aus. Mit einem Sprachmix aus norwegisch und englisch und mehrfachem Kartendrehen und -wenden, bringt uns der fürsorgliche Ladenbesitzer wieder auf den richtigen Pfad. Wir bedanken uns und er winkt uns freundlich hinterher.

Nach der Kirche von Skedsmo verläuft unser Weg ein Stück auf dem alten historischen Pfad. Kein Verkehr mehr, eine sanfte Hügellandschaft mit fruchtbaren Feldern liegt vor uns. Wir haben das quirlige Oslo hinter uns gelassen, und obwohl es immer noch in Strömen gießt, fühlen wir uns um einiges entspannter.

 


Auch das gab es manchmal, Regen den ganzen Tag

Nach ungefähr zehn Gehkilometern mit den schweren Rucksäcken auf dem Rücken kommt so langsam das Hungergefühl auf und wir halten Ausschau nach einem geeigneten Platz für eine kleine Verschnaufpause. Vielleicht ein überdachtes Bushäuschen oder etwas ähnliches...

"Du, dort hinten, dort kommt etwas überdachtes!" Wir beschleunigen unseren Schritt und das ins Auge gefasste Objekt wird größer - und die Enttäuschung breitet sich aus. Unser Bushäuschen entpuppt sich als eine Ansammlung überdachter Briefkästen.

Die Wegmarkierung leitet uns jetzt mitten auf ein Feld. Wir ackern uns im wahrsten Sinne des Wortes den matschigen Hügel hinauf. Und tatsächlich, dort oben ist, aus der Ferne schon gut erkennbar, eine kleine Kirche, die Kirche von Frogner.

 

In der Ferne schon zu erkennen, die Kirche des kleinen Ortes Frogner

"Wo eine Kirche ist, finden wir auch einen Platz zum Pausieren", beruhigt Lothar mich. "Dein Wort in Gottes Ohr!" Die Kirche ist verschlossen und zwei Friedhofsarbeiter sitzen auf ihrem Minibagger und blicken so teilnahmslos, wie man nur teilnahmslos blicken kann. Wir marschieren weiter. Tatsächlich finden wir dann aber in dem kleinen Ort einen Supermarkt und einen Imbiß. Laut unserer Karte sind es noch circa sechs Kilometer bis zu unserer nächsten Unterkunft und es gibt dort keine Verpflegungsmöglichkeit. Wir entscheiden uns also für ein Essen aus dem Imbiß und versorgen uns aus dem Supermarkt für unser Abendbrot und das Frühstück für den nächsten Tag. Oh je..., die Rucksäcke werden damit noch einmal etwas schwerer.

Gestärkt durch ein norwegisches Beefsnadder mit Pommes und Salat, von einem freundlichen Lokalbesitzer pakistanischer Herkunft serviert, nehmen wir unseren Weg wieder auf.

Wir gelangen zum Vilbjergfjellet, erklimmen einen Hügel und gelangen in ein kleines Waldstückchen. Regentropfen perlen von den wildwachsenden Beeren, überall findet man Pilze, und durchgeweichter Boden, durchzogen von glitschigen Baumwurzeln und glatten Felssteinen, erschwert uns das Vorwärtskommen. Dann endlich, dort, ein Pilgerpfosten mit der Inschrift des St. Olav Ganges. Neugierig lugen wir durch zwei eng aneinander liegenden, etwa drei bis vier Meter hohen Felsen in einen tiefen Gang. Später erfahren wir, dass hier laut einer Legende, der heilige Olav sich seinen Weg durch das Gestein gesprengt haben soll, so dass dort ein Gang von circa 200 Metern Länge enstanden ist.

Es geht bergab, noch beschwerlicher als bergauf. Unter unseren mittlerweile durchweichten Schuhen schmatzt und glitscht es. Ich finde gerade Gefallen daran, durch den Matsch zu schliddern und in meine Kindheit versetzt, als eine dicke Kröte vor meinen Füßen den Weg kreuzt.

Der Wald endet und wir laufen über eine Wiese mit hohem Gras bergab und erahnen, dass der sichtbare Hof in der Ferne unsere Pilgerunterkunft für den heutigen Tag sein könnte.

 

Bergab über eine Wiese zu unserer heutigen Unterkunft in Arteid

Unsere Schuhe sind nach dem Durchgang der "Wiesen-Waschanlage" wieder salonfähig und wir betreten unsere Pilgerherberge auf dem Arteid Hof, einem Stabbur.

 

Ein Stabbur diente früher als Lebensmittelspeicher auf norwegischen Bauernhöfen

Ein Stabbur diente früher auf den Höfen in Norwegen als Lebensmittelspeicher. In dem heute zur einfachen ausgebauten Herberge übernachten wir warm und trocken gegen Entrichtung eines kleinen Obolusses.

 

Unsere heutige Herberge

Raus aus den nassen Sachen, eine heiße Dusche im Haupthaus, die uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt wird, etwas einfaches zum Essen und ein trockener Platz zum Übernachten stimmten uns wohlgesonnen. Ja, als Pilger unterwegs, weiß man diese sonst so selbstverständlichen Dinge hier besonders zu schätzen...

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14. August 2010

Wir wachen recht früh auf, befreien uns aus unseren Schlafsäcken und räkeln uns ausgiebig. Die harten Pritschen, die fremden Gerüche, die unglaubliche Stille und Dunkelheit in der Nacht erfahren wir als  ungewohnt, gewöhnungsbedürftig, aber durchaus als angenehm.

Zwei Becher Nescafé und zwei trockene Brötchen von gestern müssen uns heute in Schwung bringen, denn unsere Vorräte sind aufgebraucht.

Die Rucksäcke werden gepackt, die Wasserflaschen mit Leitungswasser gefüllt, wir sind bereit und neugierig auf den neuen Tag. Schnell finden wir uns in unseren Gehrhythmus hinein. Bei bedecktem Himmel führt uns die Route über einsame Landstraßen, Felder und Wiesen. Wir bahnen uns den Weg durch hüfthohe Brennessel,

 

Über verschiedenste Wege führt uns die heutige Route

entlang üppiger Farnsträucher und durch hohes, feuchtes Gras. Wir geraten trotz des Wetters mit unserem schweren Gepäck auf dem Rücken ins Schwitzen. Sehr selten nur begegnen wir anderen Menschen.

Wiederum ist eine Tankstelle unsere einzige Einkaufsmöglichkeit für unsere heutige Verpflegung. Hier pausieren wir draußen an Tischen und Holzbänken, die in Norwegen scheinbar an jeder Tankstelle als Verschnaufplatz aufgestellt sind. Zwischen den vielen Autos fühlen wir uns sehr fremd nur mit unseren Rucksäcken neben uns, ein wenig fehl am Platze gegenüber den mobilisiert Ausruhenden. Und auch ihnen scheinen Fußgänger, Pilger wie wir, etwas fremdes - vielleicht interpretieren wir aber auch zu viel in die Blicke der anderen, die auf uns ruhen.

Ein Blick auf unsere Karte macht klar, dass wir heute keine größere Ortschaft mehr durchqueren werden. Wir versorgen uns also vorsichtshalber mit dem nötigsten zu Essen für den heutigen Tag.

 

Freundliche Gesten unterwegs, die einem das Wandern oft erleichtern.

Die Sonne kommt irgendwann heraus, herrlich!

Wir rüsten und unsere Route führt uns nach etlichen Kilometern nahe an den Flughafen Gardermoen heran. Die anfänglich so heiß ersehnte Sonne hat uns jetzt inzwischen mit ihrer Wärme arg zu schaffen gemacht, unsere Füße sind rund und die Beine müde. Ja, egal wie es ist, es ist nie richtig. Fast wie zuhause. Haben wir uns noch nicht richtig eingelassen nach diesen wenigen Tagen?

Wir wissen, dass uns hier in Flughafennähe, keine große Auswahl an einfachen und preiswerten Übernachtungsmöglichkeiten bleibt und buchen deshalb zähneknirschend ein Zimmer für weitaus mehr Geld, als in unserer Unterkunftsliste ausgewiesen in einem Hotelkomplex modernster Bauart. Nein, kostengünstigere Zimmer für Pilger... Pilger???

Fahrstühle, Trinkwasserspender auf den schallgedämpften Fluren, diskret und monoton surrende Klimaanlagen, all das lässt uns kurzzeitig zurückkehren in die scheinbar doch so bequeme Alltagswelt. Sehr nachdenklich fallen wir in dieser Nacht erst sehr spät in den Schlaf.

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15. August 2010

Wir starten früh, der Tag verspricht schön zu werden und wir haben uns für heute eine Tagesetappe von circa 25 Kilomtern vorgenommen. Hoffentlich halten Lothars Füße den vielen Schritten über Stock und Stein in der Wärme stand. Ein paar Blasen direkt unter den Füßen, machen ihm seit gestern zu schaffen. Wir folgen den gelben Pfeilen, heute hauptsächlich auf Landstraßen, die aber wenig von Autos befahren werden. Wir laufen uns ein und stellen fest, dass wir heute nicht ganz allein in der Natur sind. Die ersten Radfahrer, durchgestylt auf hochwertigen Bikes, zischen an uns vorbei. Und da, was ist denn das für ein Gefährt? Ein sportlicher Norweger auf Langlaufskiern mit Rädern. Für uns "Flachland-Tiroler" ein putziger Anblick. Ach ja, heute ist Sonntag. Auch die Norweger nutzen das schöne Wetter und verbringen ihre Freizeit gerne aktiv in der freien Natur.

 

Ein schöner Rastplatz an der Rise-Brücke lädt zum Ausruhen ein

Nachdem Lothars Füße versorgt sind geht es weiter

Wir schwatzen und schweigen, die Zeit vergeht wie im Flug. Die Beine laufen automatisch, wenn auch am Ende der langen Etappe etwas mühsamer. Die Kirche von Eidsvoll ist aus der Ferne zu erkennen, wir haben also unser Ziel für heute so gut wie erreicht.

 


Die Kirche von Eidsvoll war schon aus der Ferne zu erkennen

Wir wollen im Schatten der hohen Bäume am Vorplatz der Kirche noch etwas pausieren, bevor wir unsere heutige Schlafstätte aufsuchen, da kommt eine Frau direkt auf uns zu und fragt, ob wir Pilger seien. Sie schließt extra für uns die Kirche auf und wir nehmen an einer kleinen privaten Führung teil, während sie uns einiges zur Geschichte der Kirche erzählt.

 

Eine Exkursion in die Historie der Eidsvoll Kirche

Die letzten Kilometer bis zu unserer Pension fallen uns nun unglaublich schwer, wir haben das Gefühl der Weg will heute einfach nicht enden. Wir queren noch mehrere Brücken, bevor die Wirtin der Pension, eine freundliche ältere Dame, uns ein Zimmer vermietet.

 

Der beschwerliche Rest unserer heutigen Etappe nach Eidsvoll

Puh, wir sind für heute geschafft! Die Schuhe aus und raus aus den verschwitzten, nassen Kleidungsstücken und dann nur noch eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken.

 

Wohnzimmer, Waschküche, Trockenraum - alles in einem

Lothar versorgt seine noch größer gewordenen und übel aussehenden Blasen an den Füßen nach seiner bewährten Methode, indem er mit einer Nadel ein bis zwei Fäden durch jede Blase zieht.

 

Ich kann dabei gar nicht hinschauen

Wir werden den nächsten Tag abwarten, ob wir so weiterlaufen können. 

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16. August 2010

Ich blicke in ein schmerzverzerrtes Gesicht, als Lothar seine Füße mit seinem Eigengewicht belastet. Gut, wir pausieren für den heutigen Tag. Wir lassen die Wanderstiefel in ihrer Ecke stehen, schlüpfen in unsere Ersatzschuhe, ein paar Badelatschen, die wir aufgrund ihres geringen Gewichtes im Gepäck haben und die wir wegen ihres günstigen Preises als "Aldiletten" bezeichnen. Lothar: "Das beste und sinnvollste Ausrüstungsteil das ich je auf allen meinen Reisen hatte!" So erkunden wir das circa 2500 Einwohner große Eidsvoll, welches nah am Mjösa-See liegt. Hier ist auch die Endstation für den "Skibladner", der älteste Schaufelraddampfer der Welt, der noch in Betrieb ist. Er befährt auch heute noch den circa 100 Kilometer langen und bis zu 450 Meter tiefen Mjösa-See vom südlich gelegenen Minnesund bis zum nördlichsten Ort, des am See gelegenen Lillehammer. Laut Fahrplan endet die Saison allerdings am 15. August für dieses Jahr.

Wir faulenzen am Wasser und lassen es uns bei Kaffee und Kuchen in den Straßencafés gut gehen. Abends reduzieren wir nochmals unser Gepäck, bis wirklich nur noch das Allernotwendigste unsere Rucksäcke füllt. (Lothar lässt sogar seine komplette Filmausrüstung mit circa 12 Kg zurück - was für mich fast sicher bedeutet, wir reden aber nicht darüber, dass er nächstes Jahr zurückkehren wird. Eine Idee nicht verwirklichen wegen geschundener Füße? Nein, das sicher nicht, dafür kenne ich ihn zu genau.) Wir dürfen alle die aussortierten Utensilien bis zu unserer Rückreise in der Pension bei der freundlichen Wirtin deponieren.


...die nächsten sieben Tage...

Die nächsten sieben Tage umwandern wir auf der östlichen, historischen Route den Mjösa-See bis nach Lillehammer. Die heutige Pilgerroute verläuft nur dort auf den alten Pfaden wo es Aufzeichnungen aus damaliger Zeit gibt und die heutigen Gegebenheiten es ermöglichen diesen Weg auch so zu gehen.

Die Route verläuft meist nahe der Bahnstrecke und der E6, auf wenig befahrenen Landstraßen, über Felder und Wiesen, entlang vieler Seen, Bachläufen und durch Wälder, meistens mit Blick auf den Mjösa-See oder direkt daran entlang in Ufernähe. Es geht bergan, es geht bergab. So manches Mal höre ich mich doch wieder fluchen und stöhnen. Wir klettern über Zauntreppen, die auch schon manchmal von dösendem Vieh blockiert sind. Das Wetter, es wechselt nahezu täglich.

 

Trolle überall, man muss nur genau hinschauen

Wir erkämpfen uns manchen schmalen Pfad zurück, den die Natur überwuchert hat. Wir schwitzen, wir frieren. Dennoch, wir werden trotz der Strapazen, von der Landschaft, der Vielfalt ihrer oft noch ursprünglichen Natur reich belohnt.

 

Eine wunderbare und urprüngliche Landschaft entschädigt für vieles

Wir brechen jeden Tag aufs Neue auf, wir übernachten in den unterschiedlichsten Herbergen, mal ohne Strom und fließend Wasser, auf Campingplätzen, in einem Konfirmandensaal, in der Jugendherberge. Unsere Tagesabläufe gleichen sich und wir beschränken uns auf die elementaren Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und sich Schritt für Schritt unserem Ziel zu nähern.

 

Wenn auch spartanisch und an manchen Tagen das Einzige...aber lecker!

Ich bekomme das Gefühl, der Weg wird wichtiger als das Ziel. Zum Leid der anderen bin ich ein Mensch, der sehr schnell laut vor sich hin flucht, wenn etwas nicht so klappt, wie ich es mir vorstelle. An so manch einer unwegsamen und strapaziösen Wegstrecke verschaffe ich mir schon das eine oder andere Mal eindeutig Luft durch kräftiges Fluchen. Lothar ist da anders, beneidenswert. Er geht seinen Weg meist "straight", geradeaus, ohne einen einzigen Mucks von sich zu geben. Er erklärt mir, er habe stets das Ziel vor seinen Augen und er weiß, dass er sein Ziel erreichen wird. Oft denkt er anders als andere, sein Ziel ist das Ziel, der Weg ist wunderbar, aber er kann nicht das Ziel sein. Und die paar Berge und Unwegbarkeiten, die er nicht "bezwingen" will, sondern sich einlassen, die Natur hochachten und zulassen, werden ihn nicht daran hindern, sondern tragen, sie machen den Reiz aus. Je anstrengernder das Terrain wird, umso entspannter scheint er zu werden. Ich schraube jetzt vor jedem steilen Anstieg einen Gang zurück und ohne ständiges Fluchen vergeude ich scheinbar wirklich weniger Energie und mir geht es um einiges besser. Im Großen und Ganzen spiegelt der Weg mit seinen Höhen und Tiefen im Kleinen unseren gesamten Lebensweg wider... Viel Gedankengut, das sich in meinem Kopf bewegt. So gibt es große Wegabschnitte, auf denen jeder von uns schweigsam vor sich hin sinniert.

Immer öfter stellen wir uns die Frage, wie mag wohl der Pilger in damaliger Zeit diesen Weg erfahren und bewältigt haben. Wir begehen heute den Weg mit gutem Schuhwerk, moderner Ausrüstung auf markierten Wegen und für den Notfall mit einem Handy und einem GPS ausgerüstet. Es ist also nicht verwunderlich, wenn es heißt, so mancher Pilger sei früher auf seinem Weg gestorben.

Auch wir bekommen bald zu spüren, dass die tägliche Versorgung mit Nahrungsmitteln in diesem dünn besiedelten Teil Norwegens für einen Pilger, der ausschließlich zu Fuß unterwegs ist und nur eine begrenzte Möglichkeit hat größere Vorräte zu transportieren, sehr schwierig ist.

 

Sonst ist er nicht wirklich brauchbar in der Küche, aber hier...

Nicht selten essen wir die trockenen Brötchen vom Vortag oder starten hungrig in den nächsten Tag.Wir freuen uns riesig und wissen es zu schätzen, wenn wir uns in einem größeren Ort mit frischen Nahrungsmitteln versorgen können. Früher standen dem Pilger Rastplätze, Wirtshäuser und Herbergen in bestimmten Abständen auf der Route zum Verschnaufen und zur Versorgung zur Verfügung. Vielfach übernehmen für uns Tankstellen, die sich an der E6 befinden, diese Aufgabe. Unsere Augen sind mittlerweile auf die schon von weitem gut erkennbaren und hoch hinausragenden Leuchtreklamen der Tankstellen geschult.

 

Ein Servive, der einem das Herz öffnet. Versorgung in einer Unterkunft.

Wir lassen ungefähr 150 Kilometer Weg von Eidsvoll nach Lillehammer hinter uns. Dabei führt die Route direkt durch Hamar, einer kleinen Stadt von circa 16000 Einwohnern. Wir haben allerdings das Gefühl, wir durchqueren eine Großstadt-Metropole. So viele Menschen um uns herum sind wir gar nicht mehr gewohnt. Wir laufen über einen langen Damm in die Stadt ein und schon von weitem erkennen wir das Vikingskip, eine Olympiahalle, deren Konstruktion aus Holz und Beton gefertigt wurde und die an ein umgedrehtes Wikingerschiff erinnern soll.

 

Von weitem schon zu erkennen, das ehemalige Olympiazentrum in Hamar

Wir übernachten in Hamar in der Jugendherberge. Lothar versorgt seine Blasen an den Füßen, die jetzt jeden Tag etwas weniger werden. Er bewertet seine Füße jeden morgen auf einer Schmerzskala von eins bis zehn. Heute bekommt der rechte Fuß nur noch eine fünf und der linke gar nur noch eine drei.

Am nächsten morgen laufen wir entlang am Wasser und stoßen auf die Ruine der Domkirche, die zum Schutz mit einer gewaltigen Glaskonstruktion überdacht wurde. Ein Meilenstein besagt, dass wir noch 488 Kilometer vom Dom in Nidaros entfernt sind.

 

Und wieder einer unserer Meilensteine

Wir wollen aber keinen Eintritt bezahlen und wandern weiter. Auf unserem Weg in Richtung Lillehammer entschädigt uns ein Blick in die gerade geöffnete Kirche von Ringsaker. Sie wurde um 1100 errichtet und ist dem heiligen Olav gewidmet. Im Mittelalter war sie ein wichtiger Wallfahrtsort für die Pilger.

 

Die Kirche von Ringsaker

Bevor wir in das gemütliche und beschauliche Lillehammer , auch als Austragungsort der 17. olympischen Winterspiele von 1994 bekannt, einlaufen, führt unser Weg an eine Olavsquelle bei Bergseng. Das Wasser aus dieser Quelle soll heilende Kräfte haben. Die Quelle soll im gleichen Moment entsprungen sein, als der heilige Olav an dieser Stelle sein Pferd mit Wasser versorgte. Wir nehmen einen Schluck, der Lothar kann es akut gebrauchen.

 

Die Geräusche als Olav sein Pferd tränkte und die, die ich bei Lothar höre, können sich nicht so sehr unterscheiden, glaube ich

In unmittelbarer Nähe finden wir auf dem Waldboden aus Stöcken, Steinen und Blättern liebevoll nachgestellte Rastplätze in Miniaturausgabe.

 

Kinderspiele jenseits von Laptop und Wii..?

Lillehammer, das Tor zum Gudbrandstal. Es ist das längste und seit Jahrhunderten das dichtbesiedelste Tal Norwegens. Der Name Gudbrandsdalen soll vom Wikingerhäuptling Dale Gudbrand abgeleitet sein.

 

Immer wieder bewegen wir uns in einer wunderschönen Natur

Von nun an schlängelt sich unser Weg, stets mit dem Blick auf den Fluss Gudbrandsdals-Lagen, der das gesamte Tal durchfließt und uns mit seiner interessanten, milchig-trüben und türkisschimmernden Farbe immer wieder aufs Neue fasziniert. Ab jetzt ändert sich das Landschaftsbild und gleicht einer Mittelgebirgslandschaft.

 

Entlang des Flusses Lagen, der ständig in anderen Farben schimmert.

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24. August 2010

Wir starten heute in der Nähe von Oyer. Der Himmel ist grau verhangen und es gießt wie aus Eimern - kein Land in Sicht! Regenjacke, Regenhose und sogar eine Regenhülle für den Rucksack, alles wird zurechtgelegt und angezogen. Zu allem Übel haben wir heute ein gewaltiges und extremes Stück "Off Road", einen unbefestigten Weg, vor uns. Und das bei diesem Wetter! Ein Blick auf die Karte genügt und wir entscheiden uns für einen einfacheren und bequemeren Weg, so nehmen wir jedenfalls an. Wir nehmen den Kongsvegen, der nahezu parallel zur E6 unten im Tal verläuft und uns als befestigter erscheint. Wir freuen uns über unsere weise Entscheidung bis der Weg in eine Baustelle übergeht. Bauarbeiter wühlen sich mit ihren riesigen Baufahrzeugen durch den Schlamm und durch das Geröll. Wir wollen von den Arbeitern wissen, ob wir passieren können oder ob wir lieber umkehren sollten. Man winkt uns durch. Die Baustelle wird immer mehr zur Baustelle - schrecklich! "Monsterbagger" und "Monsterlaster" eines Ausmaßes, welches ich so noch nie gesehen habe, Räder, viel größer als ich selbst, fahren hier in Windeseile hin- und her und wir mittendrin! Wir stecken fast bis zu den Knöcheln in gelbem Schlamm - na toll! Die Baustelle mündet direkt in die E6. Wir fragen nach einer Alternative, nachdem uns ein Truckfahrer auf die Gefahren hier hinweißt, aber es gibt keine, außer zurück zu gehen. Ich höre nun auch Lothar einmal fluchen: "Keinen Schritt gehe ich zurück!" Verlockend bei diesem Wetter ist keine der beiden Richtungen, also Augen zu und voran bis zum nächsten Abzweiger. Für mich waren es gefühlt die längsten zwei Kilometer unseres gesamten Pilgerweges und die reinste Hölle. Wandern bei Starkregen auf einer viel befahrenen, wichtigen Verbindungsstraße mit Fernverkehr. Dicht an die Leitplanke geklemmt bin ich bei jedem Lastwagen mit Anhänger tausend Tode gestorben. Endlich nehmen wir die "Abfahrt" Skardsmoen, dafür müssen wir "nur" noch die Straße queren... Ich bin der festen Meinung, wir müssen einen Schutzengel gehabt haben. Jetzt müssen wir nur noch Menschen finden, um nach unserem weiteren Wegverlauf zu fragen. Wir haben etwas die Orientierung verloren.  Wir stehen jetzt mitten in einem Wald auf einer Schotterstraße und wissen nicht genau wohin sie führt. Dann kommt ein Auto und wir bremsen es regelrecht aus. Eine Frau am Steuer hält, mutig wie ich finde, denn wir sehen aus wie... Sie malt uns sogar auf einem Blatt ihres Notizbuches den weiteren Weg nach Tretten auf. Wir sind ihr so dankbar für diese Hilfe. In Tretten gibt es eine warme Mahlzeit und ein heißes Getränk. Gestärkt und mit neuen Lebensgeistern geht es weiter, stets steil bergauf in Richtung Glomstad, unserem Tagesziel. Es liegen noch etwa fünf bis sechs Kilometer vor uns, aber auch ungefähr 600 Höhenmeter. Noch auf dem Weg beschließen wir: "Heute abend gönnen wir uns einen Wein oder ein Bier und nie wieder weichen wir von der angegebenen Route ab!"

Das Gasthaus in Glomstad kann auf eine Tradition bis in das 16. Jahrhundert zurückblicken. Es ist sehr gemütlich und wir schauen in der Dämmerung aus unserem Zimmerfenster auf den Fluss hinab und sehen wie sich die Eisenbahn, klein wie eine Minitrix, angekündigt mit einem fernen Tuten, auf der anderen Uferseite ihren Weg durch und um die Berge schlängelt. Geschafft, aber zufrieden und glücklich schlafen wir ein.

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25. August 2010

Das Thermometer an der Eingangstür der Pension zeigt ganze zwölf Grad an als wir aufbrechen wollen. Recht frisch, stellen wir fest, jetzt wo wir es in Zahlen wissen. Wir starten in Fleecejacke, wie die letzten Tage zuvor auch schon, aber nach dem nächsten Berganstieg, der ja bekanntlich nicht lange auf sich warten lässt, verschwinden die Jacken schnell wieder im Gepäck.

Der Pilgerpfad führt uns heute auf dem Königsweg nach Ringebu, zur einzigen Stabkirche auf dem gesamten Pilgerweg. Sie wurde um 1220 errichtet. Das besondere an einer Stabkirche ist, dass sie aus senkrecht stehenden Holzstäben gefertigt ist und ohne Nägel, sondern nur durch Nut und Feder zusammengefügt wurde. Während der Übergangszeit von der heidnischen Religion zum Christentum wurden rund 1000 Stabkirchen in Skandinavien errichtet. Heute ist sie die größte der noch 28 in Norwegen erhaltenen Stabkirchen. Wir sind sehr gespannt.

 

Die Stabkirche in Ringebu

Im Vergleich zum gestrigen Tag verläuft unser Weg wieder ausschließlich durch eine wunderschöne Natur. Wir folgen unseren Wegmarkierungen auf schmalen Waldpfaden. Ab und zu wird der Blick frei auf den Lagen und wir lassen uns vom tosenden Wasser beeindrucken, welches sich ab und an in Form eines kleinen Wasserfalls bergab stürzt.

 

Wandern in unberührter Natur, hier entlang eines Wasserfalles

Umso fremder scheint uns dann doch dieses Auto mitten im Wald

Unsere heutige Pilgerherberge liegt direkt gegenüber der Stabkirche. Die Besitzer wohnen in dieser Jahreszeit auf der Alm, wo sie sich um ihre Tiere kümmern. Telefonisch haben sie uns mitgeteilt, wo wir den Schlüssel zur Herberge finden und alles andere wissenswerte sei auf einem Zettel im Haus beschrieben. Na dann mal los! Den Schlüssel haben wir etwas suchen müssen, ein Index dafür, dass Lothar doch eine Menge seiner Norwegisch Kenntnisse eingebüst hat in den vielen Jahren, die er nicht mehr hier gewesen ist, aber den folgenden Anleitungen konnten wir gut folgen:

 

Auch ohne eine Anleitung gut verständlich

Ein großer Raum steht dem Pilger hier als Schlafsaal zur Verfügung. Etwas Obst, Kekse, Fertiggerichte, die auf einem Tisch angerichtet waren, durften wir uns nehmen. Die pilgerfreundlichen Preise dafür waren ausgewiesen, und den Geldbetrag für alles steckten wir in einen Umschlag, den wir am nächsten Morgen dann vereinbarungsgemäß in den Briefkasten am Zaun steckten. Wir waren sehr angetan von so viel Vertrauen gegenüber Fremden.

 

Eine typische Pilgerunterkunft

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Die nächsten fünf Tage bis zum Dovrefjell

Auf dem Weg zum Dovrefjell folgen wir den Wegmarkierungen meistens auf weichem, federndem Waldboden, manchmal finden wir das Olavskreuz auf Steinplatten, ein anderes Mal auf den uns bekannten Vierkanthölzern, oder es hängen einfache Holzscheite mit dem bekannten Symbol in den Bäumen der Wälder  

 

Einer der vielen typischen Wegweiser

Das Wetter ist sehr wechselhaft, unschöne Regentage empfinden wir aber schon längst nicht mehr als so ungemütlich, wie zu Beginn unseres Pilgerns. Es ist mir ein dringendes Bedürfnis, die durch den Regen und die hohe Luftfeuchtigkeit wie Schwämme vollgesogene Flechten und Moose, die mancherorts flächendeckend den Waldboden und die Steine bedecken, wie in einem Zauberwald, mit meinen Händen zu ertasten.

 

Mit allen Sinnen möchte man die Natur wahrnehmen

Wir saugen die reine Luft und den nach frischer Erde duftenden Waldgeruch tief in uns ein. Ich habe den Eindruck, wir verschmelzen immer mehr mit der Natur, die uns umgibt, ja, wir gehören dazu, wir sind eins - ein wunderschönes Gefühl.

 

Und auch der Regen macht uns kaum noch etwas aus

Zwischen Soer-Fron und Harpefoss stoßen wir auf den über 700 Jahre alten Sygard Grytting Hof, der sich seit dem Mittelalter ununterbrochen im Besitz der Familie Grytting befindet und ursprünglich eine alte Pilgerherberge war. Wir betreten den liebevoll wieder hergerichteten alten Hof, haben aber anfänglich den Eindruck, wir kämen etwas ungelegen.

 

Das Olavskreuz und das Wappen Sygard Gryttings

Alles ist liebevoll eingerichtet

Wir sollten uns die Schlafstätten vorher ansehen und dann entscheiden, ob wir nächtigen wollten.

Die Pilgersaison sei eigentlich zu Ende und die Räumlichkeiten seien nicht mehr so ordentlich hergerichtet und für die Verpflegung müssten wir selber sorgen. Wir bekommen die Unterkunft zu einem Spezialpreis und willigen ein. Wir inspizieren unser Zimmer. Über knarrende, steile, alte und ausgetretene Holztreppen erreichen wir die Schlafräume durch niedrige, mit riesigen Schlüsseln zu öffnende und ebenso geräuschvoll, ächzende, schwere Holztüren. Wir blicken ins Dunkle, denn die Räume haben nur wenige, kleine Fenster und die Wände bestehen aus dunklen Holzbohlen, durch die ab und an etwas Licht und Luft durch die Ritzen dringt.

 

...und wir beziehen unsere Unterkunft auf Sygard Grytting

Tische, Betten und Truhen sind aus altem, massivem Holz gefertigt und auf einer Holzstange über den Betten hängen riesige Schaffelle auf denen geschlafen wird. Wir fühlen uns wirklich ein wenig ins Mittelalter zurückversetzt.

"Wo willst Du denn heute schlafen?", höre ich mich Lothar fragen. Nanu, ansonsten trifft er die Auswahl seines Bettes ziemlich rasch und zielgerichtet, heute steht er etwas irritiert da. Ich schaue etwas genauer zu den Betten und erkenne nun auch den Grund, ich grinse, denn es ist so manches Mal auch von Vorteil, wenn man nicht gerade zu den Hochgewachsenen zählt. Lothar misst, obwohl normal und durchschnittlich groß, an Körperhöhe um einiges mehr, als die Betten, die damals wohl eher für den kleineren Pilger gefertigt wurden, an Länge aufweisen. Aus Solidarität erkläre ich mich bereit auf Matrazen am Boden zu nächtigen.

Vorerst haben wir unsere Neugierde gestillt und unsere Körper verlangen nach wohligem Ausruhen und unser Magen wünscht sich etwas Warmes, Deftiges zum verarbeiten. Wir teilen uns unsere letzte Banane und dazu gibt es eine heiße Tasse Nescafé gull, den wir immer im Gepäck haben. Es dauert nicht lange als eine ältere, flotte Dame mit Schreibblock und Fotoapparat auf uns zukommt. In einem Sprachmix norwegisch-englisch-deutsch unterhalten wir uns über das Pilgern in Norwegen, welches heutzutage doch noch etwas außergewöhnliches darstellt. Sie möchte gerne in einem Artikel im Kirchenblatt von Soer-Fron über uns berichten. Eine ihrer Fragen, ob wir denn auf diesem restaurierten Hof, den Geist der Pilger aus dem Mittelalter spüren würden, beschäftigt uns noch die nächsten Tage.

Monate später, längst zurück zu Haus, befinden sich in unserem Briefkasten ein Kirchenblatt und ein lieber Gruß aus Norwegen. Eine nette Geste worüber wir uns sehr gefreut haben.

 

Lang schon wieder zu Haus erreicht uns noch ein lieber Gruß aus Norwegen

Wir wollen noch einen kleinen Spaziergang zum Aufwärmen über den Hof machen, bevor wir uns in unsere Schlafsäcke verkriechen, denn es ist heute ziemlich frisch. Ein Auto kommt auf den Hof gefahren und uns stellt sich Stig Grytting, der heutige Eigentümer des Hofes vor. Nicht ohne berechtigten Stolz zeigt er uns die mühevoll und mit vielen Aufwendungen wieder hergerichteten Räumlichkeiten und gibt uns alle gewünschten Infos und Erklärungen zu den Hintergründen. Wir kommen ins Schwatzen und er berichtet von seinen Erlebnissen als Pilger auf dem Jakobsweg in Spanien. Stig und Lothar ziehen Vergleiche zwischen dem Olavsweg und dem Jakobsweg in Spanien und stellen fest, dass die Wege einfach nicht unterschiedlicher sein könnten.

Urplötzlich fragt uns Stig, ob wir denn heute schon eine ordentliche Mahlzeit gehabt hätten und als wir verneinen, stapft er los und kommt mit diversen Konservendosen Bohneneintopf zurück. Er schließt uns die Küche auf, stellt Töpfe auf den Herd, reicht uns Teller und füllt eine Karaffe mit Wasser. Er verabschiedet sich mit den Worten, dass ein Pilger viel Kraft und Energie auf seinem Weg bräuche und nicht hungern solle.

Wir waren angetan von so viel Gastfreundschaft und konnten gar nicht so schnell die passenden Worte finden. Der Bohneneintopf, nicht unbedingt meine Lieblingsspeise, hat uns aber besser gemundet, als jedes noch so exklusive fünf-Sterne-Menue.

In einer kalten Nacht schlummern wir, fest eingemummelt in unsere Schlafsäcke, auf den alten Holzplanken des mittelalterlichen Dachbodens vom Sygard Grytting Hof.


Der Pilgerpfad führt uns die nächsten Tage immer weiter in Richtung Norden und noch folgen wir dem Fluss Lagen, der sich weiterhin durch das Gudbrandstal schlängelt. Wir laufen mal in höheren Lagen meist durch Wälder, später ein ganzes Stück direkt am Flussufer entlang in Richtung Dovre. Vinstra, Kvam und Otta nennen sich die "größeren" Ortschaften, die wir durchwandern und in denen wir zum Teil auch nächtigen oder uns mit frischem Proviant versorgen.

Nicht weit entfernt von Sygard Grytting entdecken wir einen sehr aussagekräftigen Wegweiser auf einer Waldlichtung und wir kommen ins Rechnen.

 

 

Gemischte Gefühle nach etwa der halben Strecke

"Du, schau mal, nur noch 286 Kilometer bis zum Dom von Nidaros. Damit haben wir schon mehr als die Hälfte unseres Weges hinter uns. Kommt mir gar nicht so vor", stubse ich Lothar an, der hinter mir her trödelt.

"Tatsächlich! Dann haben wir ja Halbzeit und Bergfest, das feiern wir heute Abend bei einem Bier und wir schauen nicht auf den Preis, ok?"

"Ok, abgemacht!"

Urplötzlich hüllen uns Nebelschwaden ein und der Pfad wirkt richtig mystisch, ja, fast ein wenig gespenstisch.

 

Alles wirkt in diesem plötzlichen Nebel etwas unwirklich...

...und manchmal sogar etwas gespenstisch

Die ganze Zeit, in der wir auf dem Weg nach Kvam sind und sich die Landschaft in den abwechslungsreichsten Farben präsentiert, wir so manches Mal denken, wir wären die einzigen Menschen in dieser Umgebung, beschäftigt mich dieser Satz: "Nur noch die Hälfte des Weges liegt vor uns!"

Im ersten Moment habe ich mich gefreut und ich bin sogar etwas stolz darauf, doch dann keimt ein ganz anderes Gefühl in mir auf, ja, es hängt dieser Tatsache auch ein wenig Traurigkeit nach. Dieser Weg hat auch ein Ende...

Einen großen Teil des Weges geht heute jeder, in Gedanken versunken, für sich selbst.

 

Manchmal möchte man mit seinen Gedanken allein sein

Am Abend vertreiben wir die trübseligen Gedanken bei dem versprochenem Bier

 

Ein leckeres Bergfestbier

Die folgenden Tage nehmen wir unsere Umgebung leider nur durch ein "schmales Fenster" wahr. Es regnet, regnet und regnet... Wir haben die Kapuzen unserer Regenjacken bis auf einen kleinen verbleibenden Ausblick von 15x20 Zentimeter zugezogen und wandern einen großen Teil, mit stets gesenktem Blick auf den unwegsamen Boden gerichtet, durch schwieriges Gelände. Wir kraxeln über große, bemooste Felssteine, rutschen über glitschige Baumwurzeln, hangeln uns steil bergauf und balancieren wie eine Ballerina auf den Fußspitzen noch steiler bergab, durch den "Zauberwald von Kvam". Diesen Namen hat er bekommen, weil er auf mich eine fantastische, märchenhafte und beinahe verwunschene Aussrahlung ausübt. Wir sind umgeben von Bäumen soweit das Auge reicht, blicken gegen mit Flechten überwucherte Felsen und dann wiederum schauen wir steile Abhänge hinab, nur einen Tritt breit vom Pfad, tief in den Abgrund.  In der Ferne ruft ein Rabe, ansonsten ist es totenstill, bis auf das Klopfen der Regentropfen auf unseren Köpfen und das Knacken von Ästen unter unseren Füssen.

 

Im "Zauberwald" von Kvam

"Nicht ganz ungefährlich hier", mahnt mich Lothar, "ziehe Dich bitte nicht an den dünnen, brüchigen Ästen die Steine hoch. Sie geben Dir überhaupt keinen Halt." Recht hat er ja, aber ihm sind seine langen Beine ein Vorteil und ich nehme mir für das nächste Mal fest vor einen Stock mitzunehmen, egal was er wiegt!

Nach so einem "feuchten Vergnügen" wird jede Möglichkeit zum Aufhängen und Trocknen der durchnässten Kleidung genutzt.

 

Sehr oft notwendig, die Trocknung der Wäsche in der Unterkunft

Nicht weit entfernt von Otta queren wir den Lagen über eine Brücke bei Sel und wir folgen in unmittelbarer Ufernähe dem Flusslauf. Ein zutraulicher kleiner Vogel meint uns scheinbar den Weg zeigen zu müssen, er wartet regelrecht auf uns, fliegt dann ein Stückchen vor und wartet wiederum darauf, dass wir kommen. Das Procedere wiederholt sich bestimmt mehr als ein Dutzend Mal. Wir amüsieren uns darüber, denn gerade hier ist die Landschaft so überschaubar wie wir es schon lange nicht mehr erlebt haben, ja, so flach und weit wie zu Hause - eine reine Wohltat für unsere geschundenen Füsse! Erst einige Kilometer nach Nord-Sel schnüren Bergmassive den Fluss regelrecht ein und das Gudbrandstal verengt sich teils zu einer Schlucht.

 

Den Lagen queren wir...

...in Höhe Rostbakken über eine nicht gerade vertrauenserweckende Brücke

Wir haben die Kommune Dovre erreicht. Ob wir wohl wirklich einen Moschusochsen auf dem jetzt nur noch wenige Kilometer entfernten Dovrefjell zu Gesicht bekommen werden? Wir sind sehr gespannt.

 

Unser erster Moschusochse in freier Natur

Vor kanpp 70 Jahren ist es im Dovrefjell gelungen eine kleine Herde Moschusochsen anzusiedeln, deren natürlicher Ursprung eigentlich Grönland und der Norden Kanadas ist. Hier herrschen für die zotteligen, stämmigen Tiere, die bei einer Körpergröße von ungefähr 150 cm doch ganze 200 - 300 Kilogramm Körpergewicht auf die Waage bringen, optimale Lebensbedingungen. In Norwegen leben sie in kleinen Herden, sie ernähren sich ausschließlich von Pflanzen, wie den Blättern von Weiden und Birken, Kräutern, Flechten und Moosen. Sie sind dem Menschen selten gefährlich, trotzdem sollte man einen Abstand von 200 Metern zu den Tieren einhalten. Wie bei fast allen Tieren, die sich bedroht fühlen, kann es schon zu Angriffen kommen. Geschichten dazu werden uns viele erzählt.

Wir haben aber im Moment ganz andere Sorgen, denn es geht mal wieder um unsere Proviantversorgung. Jetzt wird es eng mit Einkaufsmöglichkeiten. Wir werden fünf Tage benötigen, um das Dovrefjell zu queren und da wir in unseren Herbergen meist nur frühstücken, hat Lothar schon in Vollheim die wildesten Berechnungen betreffs unserer Lebensmitteleinkäufe angestellt.

"Also, wir brauchen j e d e r 36 Brötchen, drei Packungen Scheibenkäse, drei Packungen Wurst, etwas Obst und für jeden 16 Snickers und mindestens eine große Tafel Mjölk-Schokolade."

Ich bin entsetzt: "Und wer soll das alles schleppen???" Ich will mich jetzt einfach noch nicht damit beschäftigen und unser erster Disput steht an.

Wir trudeln bei schönstem Wetter in Dovre ein. Die Laubfärbung beginnt langsam, einige Bäume sind schon fast kahl.

 

Die Kirche von Dovre

Wir stehen vor der Kirche, die ganz mit Schieferplatten verkleidet ist und entdecken eine Info-Tafel, die unseren Weg über das Fjell mit Höhenprofil beschreibt. Der Meilenstein aus Granit besagt, uns stehen noch 250 Kilometer bis Trondheim bevor.

 

Eine Info-Tafel mit dem Höhenprofil, das uns die nächsten Tage erwartet

"Der letzte Supermarkt vor Oppdal, ungefähr 100 Kilometer entfernt, schauen Sie herein!" heißt es bestimmt auf diesem Schild.

 

Der letzte Supermarkt vor Oppdal

Auf dem Vorplatz des Einkaufszentrums nehmen wir uns nochmals die Einkaufsliste vor und ich setze durch, dass aus den 72 Brötchen vier Brote werden. Der Rest sollte so bleiben wie vorher geplant. Den Inhalt der schweren Einkaufstaschen verteilen wie auf unsere Rucksäcke, die nun kurz vor dem bersten sind und auf geht es zu unserer letzten Herberge im Gudbrandstal, nach Budsjord Gard, einem echten alten Bauernhof am Hang des Dovrefjells. Ich komme mir vor wie eine kleine Hexe, ...

(Anm. Lothar: Kleine Hexe stimmt durchaus!)

...die ein schweres Reisigbündel auf dem Rücken trägt und sich ob der schweren Last weit nach vorne beugen muss. Könnte man doch nur auf Vorrat essen, schießt es mir durch den Kopf...

Genug des Jammerns! Sonnenschein, eine herzliche Begrüßung auf dem alten Hof mit einem wunderschönen Blick ins Tal,

 

Ein wunderschöner Blick ins Tal von unserer Herberge Budsjord Gard

eine gemütliche Unterkunft und ein mächtiges, traditionelles Essen am Abend, Roemmegroed mit Fladbroed und Schinken, lassen uns die Unannehmlichkeiten des Tragens unseres schweren Rucksackes schnell vergessen.

 

Entspannen nach einem aufregenden Tag

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31. August 2010

Frühmorgens lassen wir uns von der Bäuerin des Budjordhofes in der alten Gaststube, die noch mit einer alten Kochhexe beheizt wird, mit einem kräftigen Frühstück und selbstgebackenem frischen Brot verwöhnen. Ein Proviantpaket, das sogenannte Niste, für unterwegs ist selbstverständlich. Auch eine Thermoskanne mit Tee dürfen wir uns abfüllen. Sie macht ein besorgtes Gesicht, als wir ihr erzählen, dass wir nur mit kaltem Wasser gefüllte Einwegflaschen aus leichtem Kunststoff mit uns tragen würden. Sie ist so erstaunt darüber und bietet uns spontan eine Ihrer Thermoskannen aus dem Schrank an und wir müssten auch keine Sorge um den Rücktransport der Kanne haben, diese wäre schon viele Wege gegangen und hätte stets den Weg zurück gefunden. Nett, einfach nett! Wir lehnen aber trotzdem dankend ab, denn vor dem zusätzlichen Gewicht graust es uns. Vielleicht werden wir es noch bereuen, denke ich im Stillen. Die Frage nach warmer Kleidung und Regenschutz  können wir Gott sei Dank bejahen. Wir verabschieden uns herzlich und auf geht es in die nächste Etappe. Es geht für uns wohl um den aufregendsten Teil der ganzen Pilgerroute, es geht über das Dovrefjell, eine karge und oftmals sehr raue Gebirgsregion oberhalb der Baumgrenze.

 

Der Anstieg zum Dovrefjell

Der alte Kongsveien und die Pilgerroute teilen sich hier den gleichen Weg. Wir steigen in tief hängenden Wolken auf und die ständigen Blicke zurück ins Tal sind für uns Nordlichter ein spektakulärer Anblick

 

Der Kongsveien und der Olavsweg teilen sich hier die gleiche Strecke

Anstieg durch tiefhängende Wolken

Anfänglich geht es recht steil bergan, der Baumwuchs wird kleiner und krüppeliger, bis wir die sogenannte Tundra-Landschaft mit ihrem Bewuchs von niedrigen Büschen, verschiedenen Heidearten, Gräsern, Moosen und Flechten erreichen.

 

Sogar hier oben schmücken noch Blumen den Weg. Man muss nur genau hinschauen

Auch Steine mit Flechten in den verschiedensten Farben bewachsen, können mich begeistern

Alles fügt sich wunderbar in das Landschaftsbild, wie auch diese beiden Weggefährten

Wir erreichen einen Platz, der als Allemannsroysa ausgewiesen ist. Nach altem Brauch legt hier jeder Pilger einen Stein auf den anderen. Auch wir suchen uns einen schönen Stein und platzieren ihn gedankenversunken zu den anderen. Wir verharren nur kurz, ein ruppiger Wind zupft und zerrt an unseren Kleidern und der Blick zum Himmel wirkt bedrohlich. Wir marschieren weiter durch eine scheinbar endlose Weite bis Fokstugu.

 

Am Allemannsroysa legen auch wir einen Stein zu all den anderen

Fokstugu Fjellstue hat seinen Ursprung als historisches Saelehus, einem Glückshaus. Diese einfachen Gebirgshütten ließ im 12. Jahrhundert König Eystein zum Schutz vor den Mächten der Natur für den Reisenden und das Vieh errichten. Der Pilger war glücklich wenn er, vor allem in den Wintermonaten, eine Unterkunft dieser Art aufsuchen konnte. Fokstugu hat über mehrere Jahrhunderte als einfachste Unterkunft für Reisende und als Poststation im Gebirge gedient. Es liegt ungefähr in einer Höhe von 950 Metern über dem Meeresspiegel und ist heute als einfache Übernachtungsmöglichkeit mit Selbstverpflegung in unserer Karte ausgewiesen.

Wir pausieren hier auf eine Brotzeit und pilgern danach über die auf circa 1200 Metern hoch gelegene Veslehoe, ein paar Kilometer auf dem Bergrücken entlang und dann langsam wieder bergab, weiter Richtung Furuhaugli, unserer heutigen Übernachtung. Wir mieten uns eine Hütte, gönnen uns eine heiße Dusche und ich bringe Lothar zum Staunen, als ich eine Packung Brühwürfel aus dem Ärmel zaubere. Lange habe ich im Supermarkt nach diesen kleinen "Wundervollbringern" suchen müssen - sie verstecken sich in Norwegen hinter dem Namen Buljong. Eine wohlige Wärme durchströmt uns nach Zubereitung und Verzehr nun auch noch von innen. Es ist immer wieder erstaunlich, welch einfache Dinge uns so glücklich machen können. Kann man einen Teil dieser Erkenntnis mit nach Hause nehmen...? Wir versuchen es.

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01. September 2010

Wir haben heute Morgen wieder ein Frühstück und ein Frühstückspaket gebucht, um möglichst lang mit unseren eigenen Vorräten über das Fjell zu gelangen. Der Frischezustand baut zwar inzwischen ab, aber wenn die Temperaturen so bleiben, es hat heute über Nacht gefroren, werden sie auch noch ein paar Tage länger genießbar bleiben.  Beim Auschecken sucht die Chefin extra für uns Pilger nach einem speziellen Pilgerstempel für unseren Ausweis. Sie stempelt uns das Abbild eines Moschusochsen in den Pass und erzählt uns, dass wir mit viel Glück auch einige im Fjell antreffen könnten. Sie mahnt uns aber zur Vorsicht und erzählt uns von einigen vorgekommenen Unglücken. Es gebe aber noch jede Menge mehr Tiere im Fjell zu beobachten, wir sollten die Augen offen halten. Ach ja, und wir hätten in diesem bisher sehr verregneten Sommer besonderes Glück, denn die ganze nächste Woche solle das Wetter schön werden und so richtig heiß, dreißig Grad heiß!

"Du, hast Du auch d r e i ß i g verstanden, oder meinte sie dreizehn?"

"Hm, auf jeden Fall scheint die Sonne schon einmal, wir werden es abwarten müssen."

Auf geht es, die Wasserflaschen werden als letztes mit Leitungswasser gefüllt, jedes Utensil hat mittlerweile seinen festen Platz im Rucksack, jeder Handgriff würde auch im Dunkeln sitzen, wir sind mit unseren Rucksäcken inzwischen zu einer Einheit verschmolzen. Unser heutiges Ziel ist die ungefähr 18 Kilometer entfernte Hjerkinn-Fjellstue, ebenso wie Fokstugu, in damaliger Zeit, ein Saelehus.

Die Sonne brennt heute wirklich von oben, aber ein beständiger, frischer Wind lässt keine dreißig Grad aufkommen. Dafür wird aber die Wasserundurchlässigkeit unserer Wanderstiefel auf die Probe gestellt, denn wir durchwaten, mehr oder weniger geschickt, kleine Gebirgsflüsse und ausgedehnte Sumpfgebiete.

 

Durch kleine Flüsse geht es heute...

...und durch ausgedehnte Sumpfgebiete

Der Weg führt ein ganzes Stück, teils über Holzbohlen, um den Avsjoen durch sumpfiges Gebiet. Früher behalf man sich mit aufeinander gestapelten Stöcken und Ästen eine trockene Furt, einem sogenannten Knüppeldamm, zu schaffen. Wir trödeln, halten Ausschau nach den Moschusochsen und lassen uns treiben. Große Tiere sind weit und breit nicht in Sicht und etwas enttäuscht sind wir schon, dafür haben wir aber bei der Sichtung der kleineren Wegbegleiter vollen Erfolg.

 

Anstatt der erwarteten Moschusochsen, trösten uns die wilden Grashüpfer...

...und die gefährlichen Libellen

Eine Pause mit Verzehr, wir nennen es "Ballast abwerfen", tut auf dem weichen Flechtenteppich bei schönstem Wetter besonders gut.

 

Anm. Lothar: Beim "Ballast abwerfen" ist Anke einfach unschlagbar

Eine lange Zeit folgen wir unserem Pfad durch den dichten Flor des Flechtenteppichs und führen angeregte Gespräche. Meine Fantasie ginge mal wieder mit mir durch meint Lothar, als ich ihm erkläre, es sähe hier so aus, als ob ein Flugzeug eine Ladung Waschpulver verloren hätte, welches jetzt auf dem feuchten Grund aufschäumen würde.

 

Unsere "Waschpulver-Etappe"

Ob des ganzen Schwatzens haben wir unsere Wegmarkierung aus den Augen verloren und stehen nun etwas hilflos mitten in dieser schönen Landschaft und können nicht mehr mit Sicherheit beurteilen von wo wir nun gekommen sind.

"Von dort", "nein, ich meine eher von dort..."

Über eine halbe Stunde benötigen wir, um die Brücke über die Folla, ein reißender Fluss, zu finden und zu queren.

 

Mit der Brücke über die Folla sind wir wieder auf dem richtigen Weg

Die Sonne senkt sich langsam am Himmel und ein kleines Stückchen Weg liegt noch vor uns. Endlich, direkt über die Pferdekoppel, stolpern wir müde auf unsere heutige Unterkunft zu. In der modernen Rezeption will sich niemand so richtig unserer annehmen, das große Abendmenü für eine Jagdgesellschaft steht unmittelbar bevor. Wir bekommen ein einfaches Zimmer im Hinterhaus zugewiesen und selbstverständlich dürfen wir auch später die Lounge benutzen und eine Kleinigkeit essen. Wir bereiten uns mit dem heißen Leitungswasser die heißgeliebte Buljong in den vom Haus zur Verfügung gestellten Einweg-Zahnputzbechern aus Plastik und machen uns leckere Käse-Schinkenbrote. Auch ein Pilger hat seinen Stolz. Für morgen früh haben wir uns zum Frühstücksbuffet angemeldet und dann zeigen wir mal, was ein Pilger so verputzen kann...

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02. September 2010

Diesen Morgen bin ich ungewöhnlich früh wach, die Sonne geht gerade auf. Ich klettere leise aus dem oberen Etagenbett und schlüpfe barfuß in meine "Aldiletten" und schnappe mir meinen Fotoapparat. Vielleicht bekomme ich ja einen Moschusochsen vor die Linse. Ich öffne die Tür nach draußen und ein wunderschöner Morgenhimmel leuchtet mir entgegen. Ich atme klare, kalte Luft ein und schon nach den ersten Schritten im Freien komme ich ins Rutschen. Upps, ein Blick auf den Boden verrät mir, dass ich nicht nur das falsche Schuhwerk anhabe, sondern auch, dass es gefroren hat und der Boden mit Rauhreif bedeckt ist.

 

Ein wunderschöner Morgen bei frostigen Temperaturen

Jetzt bin ich richtig wach, suche mir meine Wollsocken und Wanderstiefel, ziehe zusätzlich einen dicken Pulli an und stehle mich leise aus dem Zimmer. Lothar schläft noch und ich habe das Gefühl er versäumt etwas. Die Sonne steigt sehr schnell den Himmel auf, ich war nicht schnell genug, um die schönen Farben des Himmels einzufangen, aber in der Ferne hüllen watteartige Dunstschwaden die Bäume ein. Aus dem nahe gelegenen See steigt warme Luft empor, er dampft regelrecht und über der Pferdewiese glitzern weiße Kristalle.

 

Die Landschaft unter morgendlichen Dunstschwaden

Ich mache mich auf den Weg zur nahe gelegenen Eysteinkirkya, diese ist recht jung, sie wurde im Jahr 1969 errichtet und seit den letzten Jahren finden hier verschiedene Pilgerveranstaltungen statt.

 

Die Eysteinkirkya im Dovrefjell

Schon damals gab es eine Kirche bei Hjerkinn, die während der Reformation abgebrannt ist. Der Versammlungsort vor der Kirche besteht aber heute noch. Den Erzählungen nach sollte damals das Läuten der Glocken den Reisenden bei Sturm und in der Dunkelheit helfen den Weg über das Gebirge zu finden. Im Frühjahr war es die Aufgabe des Hüttenverwalters von Hjerkinn, die, an den Strapazen des anstrengenden Weges, Verstorbenen zu finden und für eine Bestattung auf dem Kirchenvorplatz zu sorgen.

Das Jaulen und aufgeregte Bellen von Jagdhunden, das Klirren von Hundeketten und Klappern von Autotüren holt mich in diese Welt zurück.

Ich mache mich, mehr als hungrig, auf den Weg zum Frühstücksbuffet. Sogar Lothar hat jetzt ausgeschlafen und weist mich darauf hin, dass es wohl gefroren haben müsste, denn die einfach verglasten Fensterscheiben unseres Zimmers waren bis obenhin mit Eisblumen zugefroren. Ich erzähle von meinem Spaziergang, intuitiv greift Lothar zu seinen Wanderstiefeln und schlüpft hinein - wohlgemerkt für den Weg zur Toilette, die sich im Haus befindet...

Wir frühstücken ausgiebig und lassen uns reichlich Zeit dabei. Ich schenke mir bewusst die vollfette Milch ins Glas und suche mir den fettesten Käse aus. Die Brote werden mit reichlich Butter bestrichen, all das was ansonsten Tabu ist, dürfen wir uns hier ohne Reue einverleiben, denn an unseren rutschenden Hosen merken wir schon seit einigen Tagen, dass so einige Pfunde auf dem Weg geblieben sein müssen.

Auch Lothar taut jetzt langsam auf und isst etwas, er gehört eigentlich in die "Kategorie Frühstücksverweigerer", aber die körperlichen Anstrengungen der letzten Tage und die unzureichende Zufuhr von ausreichend Energie, lässt auch ihn hier herzhaft zuschlagen.

Um 9.30 Uhr starten wir, wohl mit dem vollsten und rundesten Bauch seit der ganzen Tour.

Bis zur nächsten Unterkunft, der Kongsvold Fjeldstue, sind es nur 14 Kilometer. Seit Tagen versuchen wir unsere Etappeneinteilung so zu gestalten, diese, als sehr hochpreisig ausgewiesene Unterkunft, zu umwandern. Von der Alternative, 34 Kilometer in einem Rutsch, über diverse Höhenmeter bei wechselhaftem, unbeständigem Wetter durchzumaschieren, sehen wir doch lieber ab.

Die Sonne scheint, doch die "Dreißig-Grad-Marke" werden wir höchstwahrscheinlich auch heute nicht knacken. Der Boden ist im Schatten, auch um die Mittagszeit, noch nicht ganz eisfrei. Aber wir "knacken" heute die 200-Kilometer-Marke, wie der Stein aus Granit auf der Hjerkinnshoe mit 208 Kilometer til Nidaros ankündigt.

Gemischte Gefühle, je weiter wir uns dem Ziel nähern

Es zeichnet sich eine unglaubliche Weite ab, wir haben schon aus etlichen Kilometern Entfernung Einblick in das enge, schluchtartige Tal der Driva, dem Drivdalen

 

Fast schon zu erkennen wo wir morgen ankommen werden

Die Augen zu engen Schlitzen auf optimale Schärfe eingestellt meinen wir, mittlerweile in jedem Felsbrocken, einen Moschusochsen zu erkennen. Jedoch beim Näherkommen macht sich wie gewohnt Enttäuschung breit, bis auf ein paar aufflatternde Vögel aus den niedrigen Gebüschen ist kein weiteres Tier und kein Mensch auf diesem kargen Landstrich zu sichten. Doch siehe da, zwei uns zuwinkende Schattenbilder lassen auf Lebewesen schließen.

 

Wir vergewissern uns durch winken, dass wir es sind

Am frühen Nachmittag erreichen wir Kongsvold Fjeldstue bei strahlend blauem Himmel

Zu Pilgerzeiten war Kongsvold, ebenso wie die Fokstua und Hjerkinn ein Saelehus, eine sehr einfache Unterkunft ohne Bewirtung. Erst im 17. Jahrhundert wurden die Fjellstuben zu bewirteten Unterkünften für Reisende und Könige samt Gefolge. Kongsvold wurde von seinem letzten Gebirgshüttenbesitzer an den norwegischen Staat übergeben und wird heute teilweise als Historisches Hotel und Gaststätte und teilweise als Forschungsstation der Universität Trondheim betrieben.

Für einen stolzen Preis beziehen wir unser sehr einfaches Zimmer und gönnen uns wagemutig eine Tasse Kaffee und ein Stückchen Apfelkuchen, welches uns in einer gemütlichen, alt eingerichteten Stube serviert wird. Hier könnten wir auch an einem abendlichen Drei-Gänge-Menue teilnehmen, welches aber für unser schmales Pilgerbudget leider unerschwinglich und wie wir finden auch nicht ganz angemessen ist.

Unsere mittlerweile nicht mehr ganz so taufrischen Vorräte, die wir nun seit Tagen mit uns herumtragen, sind um einiges geschrumpft. Wir zählen unsere Brot-, Käse- und Wurstscheiben durch, die leckeren Schokoriegel sind schon lange aus, ein Apfel kullert noch aus einer Seitentasche des Rucksackes, insgesamt ein eher erbärmliches Ergebnis. Wir haben noch zwei Tagesmärsche über das karge Fjell und eine Übernachtung in einer unbewirteten Hütte vor uns, bis wir wieder die "Zivilisation" erreichen.

"Das reicht nie! Hätte ich mich bloß nicht auf diesen Tausch Brötchen gegen Brot eingelassen...", beklagt sich Lothar. Er ärgert sich, Gott sei Dank, über sich selbst, wie er behauptet. Dass sich die Lage dadurch nicht ändert, akzeptiert er nach einer Weile, wenn auch knurrend. Wir teilen unseren Proviant für die nächsten Tage in gleiche Rationen und auch für heute ist noch ein kleines Abendbrot übrig.

Ich liege diese Nacht lange wach und viele Gedanken schießen mir durch den Kopf. Was passiert hier mit uns? Wir haben Geld und Kreditkarten in unserer Tasche, wir könnten uns etwas zu essen kaufen und doch, nun liegen wir hungrig im Bett. Niemand zwingt uns so zu handeln. Ist es die Einfachheit, die uns lockt, die wir trotz allem so genießen können, die uns auf eine gewisse Art doch immer wieder so zufrieden stellt?

"Weniger ist mehr", höre ich mich leise vor mich hin murmeln, "ja, weniger ist mehr!"

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03. September 2010

Wir nehmen wieder ein reichliches und nahrhaftes Frühstück in der Fjellstube zu uns und leisten uns heute ein zusätzliches Frühstückspaket für unterwegs, inklusive einer kleinen Tafel Keksschokolade, die wir uns für den hungerleidenden Vorabend als Belohnung gönnen, bevor wir bei wechselhaftem Wetter weiter in Richtung Norden starten. Wir laufen die ersten Kilometer direkt an der E6 durch das hier sehr enge Drivdal, linkerhand die Driva und rechterhand der Autoverkehr. Es sind nur wenige Kilometer direkt an der hier nicht so stark befahrenen Straße. An einem Parkplatz kreuzen wir diese  und es geht jetzt wieder durch die Natur und wir folgen dem Varstigen, der fast parallel zur E6 verläuft. Der Pfad führt ziemlich steil bergauf und die gerade erst übergestreiften Regensachen bringen uns noch eine Idee schneller zum Schwitzen. Also wieder aus damit, so sehr regnet es dann doch nicht. Wegtafeln beschreiben, dass der Varstigen ein Teil des alten Königsweges ist und zu Pilgerzeiten dies die Route nach Nidaros war. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde dieser Weg sogar fahrbar gemacht, für uns unvorstellbar, diesen eher schmalen Pfad mit Pferd und Wagen zu befahren. Wir schrauben uns immer höher, eine kleine Herde ängstlicher Schafe läuft vor uns, bleibt stehen, wartet auf uns, garniert den Pfad mit reichlich Schafköteln, bevor sie auseinander spritzt und sich die einzelnen Tiere blökend in die steilen Hänge flüchten, um sich dann wieder vor uns zu sammeln. Wir bezeichnen uns jetzt als ungekrönte Weltmeister im Schapschiet-Ausweich-Springen. Bevor wir die Baumgrenze erreichen, queren wir den Gebirgsbach Varstigaa über eine kleine Holzbrücke und haben damit die Schäfchen überholt.

 

Der mühsame Weg nach oben wird durch imposante Ausblicke entschädigt

Jetzt, oben auf dem kargen Fjell angelangt, schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt, merken wir erst, wie frisch und zugig es hier oben ist. Sonne und Wolken wechseln so rasch am Himmel wie man es ansonsten nur aus Zeitraffer - Filmausschnitten kennt. Und tatsächlich, eben standen wir noch in der Sonne, nun flitzen, vom schnellen Wind getrieben, dicke Schneeflocken an uns vorbei. Die Sicht trübt sich und wir suchen Schutz im Windschatten einer verschlossenen Hütte.

 

Typisch für das Fjell, das sehr schnell wechselnde Wetter

Schnell streifen wir uns unsere dicken Pullis über und zum Schutz vor dem durchdringenden Wind ziehe ich eiligst Regenhose und Regenjacke an. Ich denke wehmütig an meine lange Elli, die jetzt zu Hause in einer warmen, trockenen Schublade liegt. Lothar geht es ähnlich, er denkt in erster Linie an eine wärmende Wollmütze, ja, hätten wir doch bloß...

Aber wir haben uns fest vorgenommen den Konjunktiv aus unserem Wortschatz zu streichen.

Wir packen unsere Pausenbrote aus, verweilen aber nur kurz, damit wir nicht völlig auskühlen. Weiter geht es dann über einen Schotterweg, etliche Kilometer in Richtung Ryphusan, unserer heutigen Herberge.

 

Ein langer karger Weg bis zu unserer heutigen Herberge...

Wir haben unsere Kapuzen fest und tief ins Gesicht und unsere Ärmel soweit wie möglich über die Hände gezogen. Der Wind spielt mit uns. Mich schiebt er manchmal einfach und völlig mühelos einige Stückchen zur Seite. Eine Unterhaltung ist fast unmöglich, hier hat der Wind das Sagen.

Wir laufen Richtung Drottningdalen und in der Ferne ist eine Ansammlung von Hütten erkennbar. Kein Mensch, kein Tier weit und breit. Wieder habe ich das Gefühl, wir wären allein auf dieser Welt. Die Hütten gewinnnen an Größe und es ist unverkennbar, wir haben unser Refugio für heute erreicht.

 

...einer unbemannten Hütte in Ryphusan

Ziemlich durchgefroren öffnen wir die Doppeltüren zur Herberge und sind angenehm überrascht über unser heutiges Zuhause. In der geräumigen Holzhütte befinden sich mindestens zehn Schlafplätze, ein langer, rustikaler Holztisch lädt zum Verweilen ein und eine Küchenzeile mit allerlei Pött und Pann verspricht uns in absehbarer Zeit das heiß ersehnte Stärkungsmittel:

 

Nie wieder ohne unsere Buljong

Der Wind pfeift und rüttelt an der Tür, es nützt nichts, ausgerüstet mit Eimer und Schöpfkelle begebe ich mich, ungelogen etwas widerwillig, nochmals nach draußen zum nahegelegenen Bach und hole frisches Wasser, während Lothar sich um die Gasanschlüsse der Kochstelle und des Ofens kümmert.

Endlich ist es soweit, die Buljong ist fertig und lässt nun bei jedem einzelnen Schluck unsere Lebensgeister langsam wieder zurückkehren. Jetzt erst merken wir wie durchgefroren wir eigentlich sind. Die Beine eingehüllt in eine Wolldecke des Hauses, den Gasofen im Rücken, genießen wir bei Kerzenschein die Abendstunden, bevor wir in die Schlafsäcke schlüpfen.

 

Endlich aufgetaut genießen wir die Abendstunden

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04. September 2010

Keiner von uns beiden mag an diesem Morgen so richtig gerne aus dem kuschelig warmen Schlafsack steigen, wenn da nicht ein dringendes menschliches Bedürfnis wäre, welches sich jeden Morgen nach dem Ausschlafen ankündigt...

Wir knobeln, wer von uns beiden zuerst dem Plumpsklo einen guten Morgen wünschen darf.

"Okay, okay, ich geh ja schon!"

Nie habe ich Glück bei Spielen dieser Art. Es ist wirklich lausig kalt, ich sehe meinen Atem, wohlgemerkt noch in der Hütte. Draußen ist wieder alles weiß gefroren, kein Lüftchen regt sich, scheinbar ist dem Wind heute die Luft ausgegangen.

Der Kaffee duftet und wärmt von innen, die letzten Brotscheiben werden mit luftgetrocknetem Schinken und ausgedörrtem Käse belegt und heute fülle ich meine Wasserflaschen mit heißem Wasser.

Auf geht es, wir folgen der Vinstra durch das Vinstradalen, unserer letzten Etappe über das Fjell in Richtung Oppdal. Meine beiden Wasserflaschen habe ich direkt vor meinem Bauch positioniert, sie werden von der angeschoppten Fleecejacke gehalten, und so wärmen wir uns gegenseitig. Wir laufen den ganzen Vormittag im kühlen Schatten, die Morgensonne schafft es inzwischen nicht mehr über die hohen Berge, die östlich des Weges liegen.

 

Hier schlägt das Herz des Ingenieurs über die einfache -und herrlich nutzlose- Umsetzung von Wasserkraft in Bewegungsernergie höher

Und hier lässt der Wegverlauf das Herz des Wanderers höher schlagen

Noch ungefähr zwölf Kilometer schlängelt sich unser Weg auf dieser einsamen Schotterstraße durch das Vinstratal. Sehnsüchtig schauen wir auf die von der Sonne beschienenen Kuppen der Berghänge und suchen diese erwartungsvoll ein letztes Mal nach Moschusochsen ab, ohne Erfolg.

Oppdal, unser heutiges Ziel, ist ein etwas größerer Ort, soweit wir es unserer Karte entnehmen können. Wir werden endlich wieder einkaufen und uns etwas Leckeres zu essen machen können.

"Also, die erstbeste Einkaufsmöglichkeit gehört uns! Ich werde mir als erstes eine Packung von diesen fantastisch gut schmeckenden Marsipankaker einverleiben... und was möchtest Du zuerst?"

"Nein, denk doch an die supersüßen Punschrollen, die kaufen wir und essen sie sofort. Und dann wünsche ich mir Kartoffelsalat und Würstchen!"

Ein unheimliches, lautes Brüllen eines noch nicht sichtbaren Rindvieches durchkreuzt abrupt unsere Essensgelüste. Wir halten Ausschau nach dem Tier und entdecken unten am Fluss das immer noch laut brüllende Viech. Es steuert jetzt ziemlich schnell den Berg hoch, direkt auf uns zu. Mein Blick richtet sich jetzt flugs zwischen die Beine des Tieres - Männlein oder Weiblein??? Eindeutig Männlein! Mir wird etwas mulmig. Nichts anmerken lassen, einfach ruhig weitergehen. Ein Viech kommt selten allein, und tatsächlich, hinter der nächsten Biegung kommen uns weitere Tiere entgegen, alle männlichen Geschlechts und beäugen uns neugierig. Mir wird ganz anders.

"Da gehe ich nicht dran vorbei!"

"Ach, die tun nichts, das sind Kinder, die sind nur neugierig und wollen nur schauen", will mich Lothar beruhigen

"Ja, also meine Spielkameraden suche ich mir schon selber aus!"

Wir kriechen jetzt also an den Hängen entlang durch das Gestrüpp, während uns die Viecher langsam, aber mit gebührendem Abstand auf dem Weg verfolgen. Es muss ein Bild für die Götter sein. Wir haben die Rindviecher jetzt umgangen und hangeln uns auf den Weg zurück.

"Es gibt hier noch nicht einmal Bäume, auf die man klettern könnte...!!!"

"Aber die tun wirklich nichts", will mich Lothar nochmals beruhigen und fügt dann noch an:"... im worst case wirfst Du Deinen Rucksack ab und läufst und versteckst Dich hinter einem Stein!"

"Ja, super!"

Über mehrere Kilometer verfolgen uns die Tiere, sie nutzen die volle Straßenbreite, laufen in geschlossener Reihe und verfolgen uns in einem Abstand von ungefähr 20 Metern, ein Anführer vorweg. Bleiben wir stehen, stoppen die Viecher auch, gehen wir weiter, werden wir auch weiter verfolgt. Als nicht mehr passiert, entspanne ich mich langsam und bin nun doch heilfroh, dass wir auf keinen Moschusochsen gestoßen sind...

(Anm. Lothar: In keinem einzigen Augenblick war die Situation wirklich kritisch. Was nicht heißt, dass es sich für Anke, die ein anderes Verhältnis zu solch großen Tieren hat, nicht so angefühlt hat. Wo sie allerdings bei der Geschlechteranalyse hingeschaut hat, ist mir ein Rätsel: Es waren alles Mädchen!)


Wir verlassen das Fjell mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Gemischte Gefühle keimen in uns auf, ein letzter Blick ins Fjell, in dem wir die Einsamkeit, die karge aber dennoch wunderschöne Natur und das Gefühl von Freiheit haben erleben und genießen können, wenn auch so manches Mal unter Strapazen, einigen Einschränkungen und Entbehrungen.

 

Abschied vom Dovre Fjell

Der Blick voraus lässt auf eine weitaus urbanere Region schließen, schon aus der Ferne erkennen wir im weiten Tal das Städtchen Oppdal.

 

Die Reise neigt sich mehr und mehr. Am Horizont Oppdal

Es ist Samstag und viele Menschen sind bei schönstem Wetter unterwegs, hier pulsiert förmlich das Leben. Ganze Karawanen von Oldtimer-Autos ziehen auf den Straßen an uns vorbei und in Oppdal reihen sich ein Riesen-Supermarkt, ein Lokal und eine Bank an die andere. Ein unheimlicher Gegensatz zu den Erlebnissen der letzten Tage. Wir haben Schwierigkeiten uns in diesen "Trubel" einzufinden und fühlen uns unwohl, nicht so ganz dazugehörig und etwas deplaziert.

 

Schwer sich wieder an die Zivilisation zu gewöhnen

Trotz allem habe ich mich noch nie zuvor so sehr auf einen Einkauf in einem Supermarkt gefreut wie in diesem Moment. Wir setzen unsere Essengelüste von heute Morgen in die Tat um:

Marsipankaker und Punschruller werden sofort verdrückt und für den Abend gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen - wir sind glücklich! Und ein Blick aus unserem Appartementfenster lässt, zumindest für heute, keine Versorgungsengpässe mehr aufkommen...

 

Unsere Versorgung ist gesichert

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Die nächsten Tage

Die nächsten Tage führt uns der Pilgerpfad meist entlang wenig befahrener Nebenstraßen. Der Wettergott meint es gut mit uns, wir werden jeden Tag mit einem strahlend blauem Himmel und angenehmen Temperaturen verwöhnt. Wir stoßen wieder auf Ortschaften in denen es Einkaufsmöglichkeiten gibt und treffen unterwegs so ab und an nun auch Menschen. Wir übernachten weiterhin in den einfachsten Herbergen. Wie hier in Haeverstoelen Gardstun, einer Blockhütte, einem nachempfundenen Saelehus, genießen wir den Ausblick in den Bauerngarten und fühlen uns in der urtümlich eingerichteten Holzhütte auf Anhieb sehr wohl.

 

Nach der Etappe können wir im wunderschönen Bauerngarten ausruhen

Und auch die Hütte ist gemütlich, so richtig zum Wohlfühlen

Per SMS werden wir auf dem nächsten Hof, einer Tagesetappe von 20 Kilometern Entfernung, bei der Bäuerin von Meslo angemeldet. Sie wartet schon auf uns, als wir endlich eintrudeln, begrüßt sie uns herzlich und serviert uns ein einfaches aber köstliches Menü mit Nachtisch, Kaffee und Kuchen. Lothar erklärt sich im Gegenzug dafür spontan bereit den Abwasch zu bewältigen. Na, dann mal zu!

 

Herrlich so verwöhnt zu werden

Und am Ende macht jeder was er am besten kann

Wir durchwandern Wälder und es geht so manches Mal steil bergauf und steil bergab. Wir klettern wieder über Zauntreppen und stoßen mitten im Wald auf ungewöhnlich große "Schiethaufen".

"Du, was meinst Du, die könnten auch von Elchen stammen und schau mal, die sind noch richtig frisch", erklärt mir Lothar.

Nach einer Weile mündet der Waldpfad in eine Lichtung und siehe da, die vermeintlichen Elche haben sich wohl flugs zur Tarnung in Rindviecher verwandelt. Meine "Freunde" warten schon wieder auf mich...

 

Ankes "Freunde" begleiten uns überall

Wir folgen dem Lauf des Lachsflüsschens, der Orkla, und in Rennebu stoßen wir am Vorplatz der kleinen, aus Holz erbauten Kirche auf d e n Meilenstein. Wir werden die letzte Hundert-Kilometer-Marke heute "knacken".

 

Nur noch 101 Kilometer bis zum Ziel

Schritt für Schritt nähern wir uns weiterhin unserem Ziel, dem Nidaros-Dom zu Trondheim, aber wir haben das Gefühl, unsere Wanderschuhe hat jemand gegen Sieben-Meilen-Stiefel ausgetauscht. Die Zeit vergeht auf den letzten Kilometern wie im Flug. Wie wird es sein, wenn wir den Dom schon aus der Ferne erblicken können, welche Gefühle werden uns überkommen wenn wir unser Ziel erreicht haben? Es sind gemischte Gefühle, die wir momentan empfinden. Einerseits freuen wir uns bald am Ziel angekommen zu sein, aber anderseits heißt es dann auch Abschied nehmen von dieser wundervollen Natur und Landschaft, um dann wieder in den Alltag zurück zu kehren. Ich könnte ewig so weiterlaufen.

In den letzten Tagen auf unserem Weg in Richtung Trondheim erleben wir noch ein paar skurrile und wundersame Begebenheiten. Nicht immer ergab sich eine Möglichkeit, dass wir uns im Voraus bei der nächsten Unterkunft anmelden konnten. So standen wir etwas überraschend unseren Wirten gegenüber. Man erzählt uns, der Pilgerstrom oder eher gesagt das Pilgerflüsschen, wäre zu dieser Jahreszeit so ziemlich versiegt. Dennoch erfahren wir eine große Gastfreundschaft. So wurde ein Mittagessen aus dem was der Kühlschrank hergab gezaubert: Fischfrikadellen mit Jägersoße an Kartoffeln mit Fladbroed. Eine eher ungewöhnliche Kreation, aber bei so viel Gastfreundschaft schmeckt einfach alles.

Bei einer anderen Herberge öffnete nach langem Klingeln niemand die Tür. Ein freundlicher Nachbar half aus. Er telefonierte mit den Besitzern, die einen Kurzurlaub in Schweden verbrachten, bekam Instruktionen die verschlossene Haustür von innen zu öffnen. Ein Gang durch den dunklen Keller machte dies möglich. Wir sollten uns in der privaten Wohnung der Besitzer wie zu Hause fühlen und dürften uns eines der Schlafzimmer zum nächtigen aussuchen. Wir waren sprachlos über so viel Vertrauen, das uns hier entgegen gebracht wurde. Dennoch hatten wir eine Art beklemmendes Gefühl. Würden wir selbst so einen großen Einblick in unsere Privatsphäre gewähren, wie es hier die Besitzer taten und noch dazu in Abwesenheit?

Wir durchwandern in diesen Tagen das Tal der Orkla, durch die Ortschaften Meldal und Svorkmo. Es folgt ein teilweise sehr sumpfiges Gebiet und wir erreichen die Hügel von Skaun.

Wir erreichen Skaun

Das Wollgras mit seinen weißen, flauschigen Köpfchen deutet auf sumpfiges, feuchtes Gebiet hin.

 

Wie auf der ganzen Wanderung. Wunderschöne, wechselhafte Natur

Einige Bäume schmücken sich mit Flechten, dem witch`s hair.

 

Mystisch. Hexenhaar überall

Ausruhen und pausieren kann man auf einem Kvilsten. Wer mag kann sich hier durch eine Inschrift verewigen

 

So mancher hat es lang, lang vor uns getan

Und endlich haben wir Glück! Ein Wegweiser kündigt es an...

 

...nicht weit weg vom Weg: Elgshögda

Und tatsächlich haben wir hinter der nächsten Biegung Glück!

Ein wunderschöner Blick über die Buvika Bucht, an der die Gaula in den Trondheimfjord mündet, verrät uns, dass wir unserer letzten Herberge, dem Sundet Gard sehr nahe sind.

 

Der Blick über die Buvika Bucht

Früher überquerten die Pilger mit einer Fähre die Mündung der Gaula um weiter nach Nidaros zu gelangen. Wir wissen, dass heute der Wirt vom Sundet Hof, John Wanvik, die Pilger mit einem Boot über die Gaula rudert. Am Campingplatz von Oeysand fragen wir nochmals nach der Anlegestelle des Fährmannes, aber niemand hat je zuvor davon gehört. Auch hier scheint Pilgern noch ein Fremdwort zu sein. Aber ein kurzes Telefonat mit dem Sundet Hof, welches der Campingplatz Betreiber für uns übernimmt, klärt die Ungereimtheiten. Er entschuldigt sich für sein Unwissen, er käme nicht aus dieser Region, freut sich aber uns mitteilen zu können, dass der Fährmann in zehn Minuten an der nur ein paar hundert Meter weiter gelegenen Anlegestelle auf uns warten würde. Wir bedanken uns für die freundliche Hilfe und tatsächlich stoßen wir fast zeitgleich mit dem Rudersmann am Anleger zusammen. Etwas außer Atem begrüßt uns John Wanvik, denn auch hier, so wie wir es von der Nordsee her kennen, herrscht eine ausgeprägte Tide. Unsere Rucksäcke werden verladen und dann nehmen wir Platz im schaukelnden Boot. Ich genieße das Übersetzen, während die beiden Männer bei starker Strömung und reichlich Wind doch etwas Mühe mit dem Pullen haben.

 

Am anderen Ufer haben sie dann auch fast den gleichen Rhythmus gefunden

Trockenen Fußes setzt uns John Wanvik auf der anderen Seite der Gaula ab und heißt uns herzlich Willkommen auf seinem Hof. Die Pilgerunterkunft befindet sich in einem alten Stabbur, welches neu renoviert und liebevoll eingerichtet ist.

 

Der Stabbur der zur Pilgerherberge ausgebaut wurde

Einer der Schlafräume in dem schönen Stabbur...

...und der Essraum, in dem wir später noch köstlich mit Sodd versorgt werden

Wir fühlen uns wohl und weil es unsere letzte Bleibe auf dem Pilgerweg ist, lassen wir uns von Frau Wanvik mit einem typisch norwegischen Gericht namens "Sodd" verwöhnen. Sie bewirtet uns in traditioneller norwegischer Tracht und berichtet, dass diesen Sommer sogar das norwegische Kronprinzenpaar Mette Marit und Haakon hier als Pilger übernachtet hätten. Wir schlafen etwas unruhig diese Nacht, der viele Tee vom Vorabend treibt mich aus dem Bett. Auf dem Gang zur Toilette im Nebenhaus werfe ich erstaunt einen Blick auf den sternenklaren Himmel. Den Kopf weit im Nacken bewundere ich das Firmament, die Milchstraße ist samt ihrem Schleier und den weit entfernten Lichtern greifbar nah. Auch Lothar ist wach geworden und folgt jetzt meinen Blicken. Schließlich drängen unsere mittlerweile eiskalten Füße zur Rückkehr in den kuschelig warmen Schlafsack.

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11. September 2010

Mit einem wunderschönen Blick über die fast trocken gefallene Gaula brechen wir auf zu unserer letzten Etappe

Ein frühmorgendlicher Blick über die Gaula kündigt nochmals schönes Wetter für unsere letzte Etappe an.

Es läuft sich heute gut, ja fast zu gut. Wir sind so gespannt und neugierig auf die Erlebnisse und Eindrücke, die uns der letzte Tag, die letzten Kilometer auf der Pilgerroute bescheren werden, und dabei geht es auch noch so herrlich bergab.

"Du, hast Du eigentlich mal wieder einen Wegpfeiler gesehen?" "Nö, meinst Du wir sind verkehrt?"

Ein Blick auf die Karte verrät uns schnell, dass wir diesen Wegabschnitt auch von der anderen Seite kennenlernen dürfen. Etwas missmutig stapfen wir nun bergan und entdecken tatsächlich unseren Wegweiser. Er hat sich seiner Umgebung scheinbar angepasst, recht verwittert, aber kerzengerade weist er uns den Weg.

Einer unserer letzten Wegweiser. Er hat sich seiner Umgebung angepasst scheint es

Wir folgen dem Pfeil und nun geht es noch einmal so richtig zur Sache. Vor uns liegt ein Hügel mit 25 Prozent Gefälle, wie wir einem Verkehrsschild entnehmen können. Hier gerät jeder ins Schwitzen! Ich nehme gerade einen Schluck Wasser aus meiner Flasche, als ein Auto neben uns hält. Es sind die Wanviks, unsere letzten Gastgeber, sie sind auch auf dem Weg nach Trondheim und fragen uns, ob wir nicht mitfahren wollen. Wir lehnen dankend ab. Auch nicht ein kleines Stück, diesen steil ansteigenden Hügel? Vehementes, spontanes Kopfschütteln unsererseits macht unsere Entschlossenheit diesen Pilgerweg nahtlos zu Fuß zu bestreiten deutlich. Wir verabschieden uns freundlich. Übrigens hat auch das Auto Mühe, diesen steilen Berg zu erklimmen.

 

Wir haben den Pilgerweg mit nur wenigen Habseligkeiten, auf dem Rücken tragend, ausschließlich Schritt an Schritt, durch mehr oder weniger unwegsames Gelände, bei jedem Wetter durch die Fremde wandernd, jetzt über 600 Kilometer zurückgelegt. Wir haben Entbehrungen hinnehmen müssen, wir haben Strapazen auf uns genommen und sind so manches Mal nahe an unsere Grenzen gestoßen. Nicht ganz ohne Stolz und Freude erreichen wir bei Kastberga den letzten Pilgerstein vor Trondheim. Nur noch 14 Kilometer liegen vor uns, bis wir unser endgültiges Ziel, den Dom zu Nidaros erreichen werden.

 

Unser Ziel ist jetzt greifbar nah

Es geht nochmals in recht hügeligem Terrain durch Wälder, an alten Höfen und Seen vorbei und in einem sumpfigen Wegabschnitt führt uns der Weg über einen Knüppeldamm, bevor wir das Randgebiet von Trondheim erreichen.

 

Der letzte Abschnitt bevor wir Trondheim erreichen

Es ist Wochenende und wir stoßen jetzt in Stadtnähe auf immer mehr Menschen, wir begegnen Joggern, Ausflüglern und ganze Schulklassen sind unterwegs. Der Geschichtsunterricht wurde bei diesem schönen Wetter kurzerhand in die freie Natur verlegt. Scheinbar wird im Schulunterricht gerade der heilige Olav abgehandelt und damit auch alle Schüler dem Pilgerweg folgen können, wurden die uns auf dem gesamten Weg so hilfreichen Wegmarkierungen um einiges deutlicher gekennzeichnet.

 

Auf den letzten Kilometern können wir uns wirklich nicht mehr verlaufen

Endlich ist es soweit, nach einigen Kilometern, nun durch die Straßen Trondheims laufend, gelangen wir in den Sverdrupsveien und erblicken das erste Mal den Dom. Unser Ziel. Von dieser Anhöhe aus, dem Feginsbrekka, dem Seligkeitsberg, erblickten schon in damaliger Zeit die Pilger das erste Mal die Stadt mit ihrem Dom.

 

Unser erster Blick auf den Dom zu Nidaros

In Serpentinen verlaufen nun die Gassen auf dem Weg hinab in die Stadt und es dauert noch eine ganze Weile bis wir, vorbei an der Ilen Kirke, dem Hadriansplatz, der dicht neben der Elgeseter Brücke liegt, unser Ziel erreichen. Hier am Hadriansplatz entspringt in einer hohen Moräne die Olavsquelle. Jetzt sind es nur noch wenige Schritte...

 

Nach fünf Wochen Wanderung stehen wir vor unserem Ziel

Wir sind überwältigt und sitzen nun eine ganze Weile auf einer Bank vor dem Dom und lassen das imposante Gemäuer mit all seinen zahlreichen Figuren und Verzierungen auf uns wirken. Wir erkennen sofort den heiligen Jakobus mit seinem Pilgerstab und den heiligen Olav mit seiner Axt.

 

Die Statue des heiligen Olav an der Westfassade des Doms

Wir haben es geschafft!

So richtig glauben können wir es aber immer noch nicht. Es wird auch noch eine Weile dauern bis wir all die gewonnenen Eindrücke, Erlebnisse, Erkenntnisse, die wir auf diesem Weg erfahren haben, verarbeiten. Wir nehmen viele Denkanstöße und neue Sichtweisen für den Verlauf des weiteren Lebensweges mit nach Haus.

"Am Ende des Weges herrscht Dankbarkeit!" Ich habe viel über diesen Satz nachgedacht. Und es ist so.

Auch wir empfinden Dankbarkeit.

 

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